Das Ende der Kunstgeschichtler

Über den Ausspruch eines Künstlers, Kunst sei das Werkzeug, die Realität zu verstehen, hatte sie sich ausführlich und mit inbrünstiger Begeisterung ausgelassen. Das könne sie nur, ja das könne man nur genauso empfinden und sehen. Betonung auf „geeeeenau——so“. Der Vortrag stellte einer Gruppe Kunstinteressierter die Geschichte der Documenta in Kassel vor. Von den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts bis in die Jetztzeit eine wahrlich große Aufgabe. Aus dem angepriesenen Workshop war zwar eine dreieinhalbstündige Vorlesung entstanden, aber warum sollte sich eine ausgewiesene Dr. Kunstgeschichte auch an Ankündigungen halten, wenn man sich selber gerne reden, schwadronieren, schwärmen hört. Da stört es einfach, wenn andere Menschen sich einzubringen versuchen. Jeder zaghafte Versuch des Publikums wurde dementsprechend auch fast brutal unterbunden. Selbst freundlich gemeinte Meldungen wurden mit finsterer Miene unwirsch abgelehnt, sie hätten, wenn auch nur angedeutet, stören können. Wer eine eigene Meinung auch nur ansatzweise versuchte kundzutun, wurde autoritär abgebügelt. Genau die heutige Vorstellung von demokratischer Kunst. Von Station zu Station konnten die Anwesenden anhand anschaulichen Bildmaterials die gesellschaftliche Bedeutung nachvollziehen, die Ausstrahlung auf unsere Gesellschaft. Die unbestrittene Wichtigkeit, schon ablesbar an den über 700.000 Besuchern, die vor fünf Jahren an hundert Tagen dieses Museum auf Zeit besucht hatten. (Eine Zahl, die überraschend der entspricht, die an einem Wochenende die Spiele der ersten und zweiten Fußballbundesliga besucht. Hier aber spricht niemand von ästhetischer Relevanz, sondern nur von einen „Massenphänomen mit Eventcharakter“, nicht vergleichbar mit irgendeiner Kunstausstellung, da auf anderem Niveau angesiedelt.) Berühmte Vertreter der Documenta wurden heran gezogen. Natürlich der Mann mit dem Filzhut, der Schamane, mit seinen vielen Legenden, die er sich selbst gezimmert hatte. Die Lehmbrucklegende, nach der er ein Buch aus einer Bücherverbrennung gerettet habe, einen Lehmbruckkatalog. Danach sei er so begeistert gewesen, dass der junge Mann beschlossen habe, Bildhauer zu werden. Natürlich die Kriegserlebnisse mit Filz- und Fettheilung. Zum Schamanismus gehört eine gute Geschichte, leider wird dies von einigen Gläubigen manchmal vergessen, auch von Kunstgeschichtlern. Richtern Atlas musste auch gezeigt werden, in Ausschnitten natürlich nur, denn dieses Werk sei so immens, dass man ein ganzes Leben brauche, dieses zu verstehen. (Bei anderen Menschen spricht man übrigens von der Tendenz zum Messie, wenn sie jeden Schnipsel aufheben) Die besondere Wertschätzung legte die Dame hierbei natürlich auf die Stillleben, denn hier konnte sie Bezüge zu den Vanitasbildern der Barockzeit herstellen, verlor sich gerne und breit in die drei zentralen Grundsätze dieser Zeit (vanitas vanitatem, carpe diem und vor allem memento mori). Da kann man dann einmal zeigen, dass man sich mit der Kunst vor 1900 intensiv auseinander gesetzt hat. Hier nicht zum ersten Mal musste Herr Nipp ausführlich gähnen. Nicht vor Aufregung, er hatte das Gefühl eingelullt zu werden und fragte sich, ob er sich auch weiterhin Mühe geben sollte, echtes Interesse zu heucheln. Aus einer der letzten Documenta-Ausstellungen (auf keinen Fall als Documentas oder Documenten im Plural zu bezeichnen) wurden die Masken eines afrikanischen Künstlers gezeigt, der mit Benzinkanistern statt mit Holz gearbeitet hatte, hier wurde auf die Faszination verwiesen, welche die afrikanische und ozeanische Kunst der Urvölker auf die Expressionisten und Kubisten ausgeübt hatte. Sogenannte primitive Kunst als Ursuppe für ein Neuentstehen der westlichen Kunst. Eine Arbeit aus zerstörtem Stoff wurde gezeigt, und als Erklärungsmodell natürlich Fontana herangezogen. An mancher Stelle hätte Herr Nipp sich gewünscht, ein einfaches Gespräch über die Arbeiten an sich zu führen. Über ihre Auswirkung auf die Wahrnehmung, die Bedeutung für den Einzelnen. Das aber war nicht erwünscht.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Und außerdem präsentiert Haimo Hieronymus ab 2017 Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.