Hallenbadkunst

So extrem war es ihm noch nie zuvor aufgefallen. Dieser Sonntag allerdings sollte das Sehen schulen und für den Rest des Lebens grundlegend verändern. Man weiß ja, dass nur das gesehen wird, was benannt werden kann. Geht man über eine Blumenwiese, so wird man als unbedarfter Spaziergänger, der vielleicht zum ersten Mal aus der Stadt heraus gekommen ist, der zum ersten Mal durch die herrliche Welt der Südtiroler Hochgebirgswiesen wandelt, eben nur eine Blumenwiese erkennen. Nicht allerdings der Pflanzenkundler mit Spezialgebiet Südtiroler Alpenwelt, er wird an dieser Stelle die echte Arnika finden, wo andere nur eine unregelmäßige und gelbe Blume ausmachen. Dieses kleine fast schwarze Pflänzchen in über 2000 Metern Höhe entdeckt ist dann wahrscheinlich ein Kohlröschen, welch ein Wunder, eine winzige Orchidee mit gefleckten Blättern. Der Städter tritt unsensibel darauf und zuckt bei zorniger Ansprache nicht mal mit den Schultern. Man muss erst sehen lernen, um die wahre Schönheit wahrnehmen zu können.

Er hatte sich die Sachen gepackt und in der Tasche verstaut, draußen unerträgliche Kälte, die er vorher doch noch so mochte. Was aber macht man, wenn die 20 Grad im Minusbereich des Thermometers erreicht sind? Freizeitbad mit Saunamöglichkeit. Nein, heute bezeichnet man dieses eher als Erlebnisbad mit Wellnessbereich. Wohl niemand würde im Jahre 2012 damit noch zurechtkommen, wenn in einer Halle lediglich ein Becken von 12,5 mal 25 Metern liegen würde. Dort zögen lediglich die Alten ihre Bahnen, verbissen, badebekappt und eisern, ansonsten wahrscheinlich eine Totgeburt. Nach spätestens zwei Monaten müsste ein solches Bad wegen Unwirtschaftlichkeit schließen. Kinder der Jetztzeit brauchten wohl solche Erlebnisbäder, mit Piratenbucht für die ganz Kleinen, mit Wasserrutschen und Strudeln, Wasserfällen und massig Liegeflächen. Draußen auch im Winter natürlich mit Tiefenwärme geheizte Heißwasserbecken, am besten mit Salzwasser. Den Erwachsenen gönnt man dort ein Dampfbad, dann kann man das Gegenüber wenigstens nicht sehen und jede Unterhaltung wird dadurch schon fast automatisch verhindert. Aber man sitzt dicht an dicht, welch ein Vergnügen. Gegen Aufpreis Sauna und Solarium in einer arrangierten Landschaft. Die Essecke mit Menüs muss schon sein, halb Selbstbedienung, halb Restaurant mit Schnellimbissatmosphäre und eben solchen Gerichten. Vom Geschmack nicht zu sprechen. Die meisten der bezahlten Gerichte gehen zur Hälfte zurück.

Ja, der Whirlpool ist immer gut besetzt, einige Leute verbringen den halben Nachmittag darin. Herr Nipp zählt bis zu 12 Menschen, die sich in die sprudelnde Pfütze quetschen, irgendwann wird schon einer entnervt aufgeben. Der dazu kommende 150-Kilo-Mann lässt einige Leute aufspringen, sie haben wohl Angst, dass er ausrutscht und einige unsanfte Knochenbrüche verursacht. Vielleicht ist es aber seine auffällige Unansehnlichkeit. Die hat noch nicht einmal etwas mit dem für 160 cm Länge einfach in der Breite zu groß bemessenen Körper zu tun, nein, er hat ein Grinsen, das einem jeden Mitmenschen ein fast völlig schwarzes Gebiss zeigt. Nicht vorzustellen, wenn er neben einem säße. Herr Nipp muss sofort an Seehunde denken, die von Natur aus tatsächlich fast schwarze Zähne haben. Und starken Mundgeruch.

Die beobachteten Kinder jedenfalls scheinen wirklich glücklich mit der Situation zu sein. Sie kommen mit leuchtenden Augen nach der Rutschfahrt im Becken an, springen auf und heraus und laufen in unglaublicher Geschwindigkeit die Treppen wieder empor. Bei manchen von ihnen kann dieser Vorgang bis zu 23 Mal hintereinander beobachtet werden. Ein Ritual der Kinder, mal rutscht man auf dem Bauch, mal auf dem Hintern, dazu werden die Hosen halb nach unten gezogen, weil sie bremsen würden. Der Mensch ist erfinderisch, wenn es darum geht, die Geschwindigkeitsrekorde der Vorgänger zu schlagen. Gute Auslastung dieser Investition ist folglich garantiert und wird jedem Investor in Zukunft vor Augen führen, dass eine Wasserbahn unumgänglich ist.

Herr Nipp allerdings hat die vielen Bilder entdeckt, die seine Mitbürger auf ihren Körpern tragen. Fast jeder Dritte ist durch eine Anzahl von mehr oder vor allem weniger gelungenen Tattoos gestaltet. Oftmals sieht er dabei die so genannten Tribals und obskure chinesische Zeichen, einige Damen tragen noch immer die in den neunziger Jahren bis 2005 so modernen Arschgeweihe. Eine Unsitte aus einer Zeit, als die Kleidung bauchfrei getragen wurde. Auch wenn man es nicht sehen wollte, man kam nicht daran vorbei. Dies übrigens mit den bekannten Folgen für Nieren und Blasen. Nie vor- und nachher haben die Apotheker so viel an Blasenentzündungen verdient als zu dieser Zeit. Einige Leute zeigen ihre Lieblingstiere, gerne Spinnen und Schlangen, aber auch mal einen Wellensittich, manchmal erkennt Herr Nipp ein Portrait, teilweise arg verformt, weil die Träger einige Kilos zugelegt haben, aber vielleicht kann man sich trösten und die Portraitierten haben es ihnen gleichgetan. Sehr schön hier ein Portrait von Captain Jack Sparrow, welches inzwischen wohl die doppelte Breite erreicht hat. Irgendwie hat man hier das Gefühl, es könnte noch weitergehen. Ein sehr alter Herr hat den ganzen Körper mit vielen alten Bildern versehen, die Farben sind verblaut, er trägt es mit Stolz in den Augen. Anker, Banner, Meerjungfrauen und viele Namen, teilweise wieder durchgestrichen, natürlich ein Kreuz und ein tränendes Herz. Der Mann ist wie ein Bilderbuch, nur lebendiger. Kaum einer, der nicht zumindest verstohlen einmal hinschaut. Man kann in den Falten weitere Bilder vermuten. Einer Frau verschwindet eine gestochene Eidechse unter der linken Brust im Bikinioberteil.

Das beste Bild allerdings gibt eine Frau ab, auf deren nackt gezeigter Bauchfettschürze eine blauschwarze Welle bedenklich mit jeder Bewegung schwappt.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Außerdem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist Mikroblogging eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein.