Mehr Zeit

Während die einen schon ihren Arbeitsauftrag beendet haben, sich zufrieden zurücklehnen und die Hände in entspannter Gebetshaltung über den Bäuchen verknotet haben, kommen die Anderen nicht zum Schluss. Nein, sie haben noch nicht einmal richtig angefangen. Die suchen zunächst nach einheitlichen Mechanismen. Konsensfindung auf Verfahrensebene. Hier wird heftig diskutiert, immer nah an der Sache. Es geht nicht um persönliche Befindlichkeiten und Schwierigkeiten, im Gegenteil, die meisten von ihnen mögen sich gut leiden. Vielleicht auch gerade deswegen nehmen sie sich die Zeit. Ernsthafter Umgang von Menschen, die sich respektieren und vom Anderen Hingabe erwarten. Man bittet um Verlegung der Vorstellung um zwei Wochen, benötige mehr als die angezeigte Zeit. Man weiß warum, gewährt. Jedes Ergebnis und sei es noch so offensichtlich richtig, wird angezweifelt, überprüft, ein zweites Mal verifiziert, verworfen und eingedampft. Manchmal auch als unwichtig zurück gelegt. Dabei entsteht ein kurzer, knackiger Bericht des Zustands, der Aussicht auf die Zukunft, mit erreichbaren Lösungsvorschlägen und Kontexterläuterungen. Darstellung des Sachverhalts in höchster sprachlicher Verknappung, stringente Argumentationslinie. Zwei Wochen später die Vorstellung der Ergebnisse, zwei Tage sind avisiert, ein Kongress für zwei Arbeitsgruppen, über 500 Experten sind angereist, wollen hören, was sein wird. Es geht letztlich um die Zukunft einer ganzen Gesellschaft.

Die erste Gruppe der Selbstzufriedenen beginnt mit großer Geste, langwierigen Erläuterungen und enervierend langweiligen statistischen Erhebungen, von denen man nicht ansatzweise erkennen kann, warum diese hier so breit präsentiert werden. Irgendwann beginnen die ersten Zuhörer nervös zu werden und hinter vorgehaltener Faust zu hüsteln. Murmeln wird laut. Sie merken sehr schnell, dass es hier in erster Linie um heiße Luft geht, hier wird eine Schau der aufgeblasenen Luftschlösser geboten. Jedem wird bewusst, dass es hier nicht um ausgefeilte Ergebnisse geht, sondern um plakative Selbstbeweihräucherung und -darstellung. Mittelpunkt einer peinlichen Show. Nach schon einer Stunde verlassen die ersten Gäste den Raum. Sie haben das Gefühl, hier werde ihnen die Zeit gestohlen. Sie haben begriffen, hier wurde schlecht gearbeitet, ohne Sinn und vor allem Verstand für die Materie. Nach drei Stunden schon die ersten Unmutsäußerungen. Man will diese Sache gern beendet sehen. Wie kann man so viele Stunden mit NICHTS füllen, man wird ans Fernsehen erinnert, unwillkürlich, Aneinanderreihungen vieler Bilder ohne Inhalt. Irgendwann sogar einige Pfiffe. Das hatten sie in ihrer Selbstgerechtigkeit nicht erwartet, beeilen sich nun und nach weiteren anderthalb Stunden ist der Spuk vorbei.

Am zweiten Tag stellt die Arbeitsgruppe der Langsamen vor. Nennen wir sie lieber die Bedächtigen. Sie haben alles abgewägt, sind zu einem Schluss gekommen, ganz ernsthaft und hinterfragt, überlegt. Knapp, präzise, jegliches Geschwafel beiseitegelassen. Fakten, Lösungsvorschläge, richtungsweisende Gedanken. Nach einer Stunde ist alles vorbei. Die Zuhörerschaft hat rote Köpfe, das war unerwartet, anstrengend und vor allem gut. Die Selbstgerechten vom Vortag haben auch rote Köpfe, Scham. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass sich der Ausspruch eines großen Dichters bewahrheiten würde: „Hätte ich mehr Zeit gehabt, wäre der Brief kürzer geworden.“

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Und außerdem präsentiert Haimo Hieronymus ab 2017 Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.

 

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