Rede am Grab Peter Alternbergs

 

Aus Deinem hundertfachen Leben, das nun ein einziger Tod uns entrücken konnte, nicht aus Deinem einfachen Werk, von dem er uns nicht trennen wird, habe ich einmal den Satz genommen, mit dem Deine Verzückung zu einer kleinen Tänzerin emporrief. Sie konnte in Deiner Sprache nur lallen. Du aber: „Und wie sie deutsch spricht! Alleredelste!! Goethe ist ein Tier gegen Dich!!!“ „Goethe war einverstanden,“ sagte ich, „Gott selbst stimmte zu. Und wenn sich die lebende deutsche Literatur von der Kraft dieses Augenblicks bedienen könnte, so würden Werke hervorkommen, die noch besser wären als das Deutsch der kleinen Tänzerin. Aber da sie alle als Bettler neben diesem Bettler stehen, der durch alle zeitliche Erniedrigung aufsteigen wird in das Reich des Geistes und der Gnade, so ist jedes Tier ein Goethe gegen sie.“

Nun, da Du in das Reich aufgestiegen bist, wohin Dir kein Verkennen folgt, nicht der Mißgunst und nicht der Gefolgschaft, nun hast Du uns erst zu Bettlern gemacht! Denn es ist mir, als ob die Zeit kommen müßte, wo wir an dem literarischen Bruchstück Deiner Persönlichkeit, das doch größer ist als eine Epoche unserer Literatur, nicht genug haben, sondern uns ein Verlangen nach Dir selbst ergreift und nach dem Reichtum aller Deiner Augenblicke, von denen jeder eine Unsterblichkeit war. In den Tiefen Deiner Tage, in den Niederungen Deiner Nächte, in Leidenschaften und Humoren, im Einerseits und im Anderseits Deines Gefühls, sie alle mit ihrer wunderbaren Buntheit zuständig dem einen Augenblick, dem Deines Augs, diesem Blick, der, gerührt und überlegen, immer das Einverständnis Deines freien und doch wie bedrängten Herzens war mit aller Schönheit der Welt und mit der Bedrängnis aller Kreatur und zumal mit dem Herzen aller Herzen, jenem des Hundes, dessen wartende Sehnsucht stark war wie nur die Deine. Wessen Erinnerung vermöchte diesen Reichtum zu erben? Die Fülle, immer bereit sich zu verschwenden, das Übermaß einer Liebe, die sich aufheben konnte zum Gegenteil und dennoch die Liebe war! Wer könnte sich rühmen, Dich, den allem Umgang Eröffneten, gekannt zu haben, Dich, den immer Andern, allen entzogen, weil Du Du selbst warst! In irdischer Gestalt war die Macht Deines Wesens nur dem Menschenmaß entrückt, aber in den Formen, die gar Zeit und Ort ihr gaben, war sie so erhaben über die Verkleinerung, wie sie ihr preisgegeben war. Seicht warst Du nur von unten! Weiß Gott, wie es kam, daß Du eben dann und dort gelebt hast, wo die Strahlen Deiner Heiligkeit sich an der  stumpfsten Materie brechen mußten, daß nichts blieb als Flirren und Farbe. Sie ahnten nicht, daß die Narrenkappe, mit der Du sie spielen ließest, nur Deine Tarnkappe war, Dich vor ihnen zu schützen und sie doch zu durchschauen, Du Narr, der uns Normen gab. Nicht für Hygiene und Diätetik einer zukünftigen Menschheit, das wäre vergeblich genug. Nein, wie von einer Urmenschheit her, von einem wahren Individuum Gottes, welches, noch nicht auf die engen Wirksamkeiten der Geschlechter verteilt, im Kreise der Schöpfung lebt und Kraft hat zum Schauen und Künden, mit der Ursprünglichkeit aller Eigenschaften, ehe sie unsere Erkenntnis in gute und böse schied, und darum unerschöpflich an Erregungsfähigkeit zu Fluch und Segen über unsere späte Welt. Du warst die Gnade und die Grausamkeit der Natur; Anspruch und Empfängnis der Liebe; Schönheit und Ungerechtigkeit des  Elements. Deinem Künstlerleben habe ich einst den Zug zuerkannt, den in Deiner äußern Sphäre die Weiber verloren haben: Treue im Unbestand, rücksichtslose Selbstbewahrung im Wegwurf, Unverkäuflichkeit in der Prostitution. Und seitdem und so oft Du vom Leben zum Schreiben kamst, stand das Problem dieser genialen Absichtslosigkeit, die jetzt leichtmütig eine Perle und jetzt feierlich eine Schale bietet, in der Scherz- und Rätsel-Ecke des lesenden Philisters.

Nun ist der uns so schmerzhafte Augenblick gekommen, ihnen, dem Philister und seinem Redakteur, sagen zu müssen, daß Du ihnen nicht gehört hast! Daß Deine Nachbarschaft, Deine Verkleidung nur der Zufall zeitlicher Umstände war und der Zwang, Dich vor ihnen zu verstecken. Nun ist der Augenblick da, der uns trübste Deines Lebens, wo uns Dein Auge nicht mehr in die Seele blickt, und nun muß es aller Welt, so laut, daß es auch die umgebende hört, gesagt werden: daß Du, Peter Altenberg, einer der großen Dichter warst, die ihrer Zeit nur geliehen sind, doch vorbehalten zu besserm Gebrauche; einer der seltenen, die das Glück hatten, ein Echo zu empfangen, wenn sie in den Wald riefen, aber das Schicksal, es der Welt nicht sagen zu dürfen. Möchte Deine lyrische Prosa, möchte der Humor, der Dein Grab bezweifelt und dessen „Anderseits“ nun doch ins Jenseits spielt, möchte Dein Mut, vor einem Kinde, vor dem Tier und der Pflanze, vor dem darbenden Herzen einer verstoßenen Menschheit ehrfürchtig zu verweilen – ein hoch- und schlechtfahrendes Geschlecht Bescheidenheit vor der Natur lehren! Ich aber will, solange ich Deiner gedenken kann, zu Deinem reichen Werk Dich in all Deiner Unbegreiflichkeit hinzu nehmen, um Dich zu lieben und um einer Zeit zu trotzen, die anders täte! Der Abschied, den wir Dir sagen, seien die Worte der Getreuen, die um Götzens Leichnam stehn: „Edler Mann! Edler Mann! Wehe dem Jahrhundert, daß Dich von sich stieß!“ „Wehe der Nachkommenschaft, die Dich verkennt!“

 

 

Rede am Grab Peter Alternbergs, 11. Januar 1919