Hustenreiz

In der Badewanne zu sitzen, ist ihm immer wieder ein ganz besonderes Vergnügen. Immer würde es dem Duschen vorgezogen werden, wenn nur die Wahl wäre. Dieses Mal hat er sich eine Flasche alkoholfreies Weizen mitgenommen. Drittel Liter, man will ja nicht übertreiben. Kein Buch ausnahmsweise, geplant ist ein Entspannen und Sinnen. Er weiß ja, die Bücher stehen im Falle des Falles nur wenig entfernt, genau 170 cm vom Beckenrand. Im Notfall kann man schnell zu greifen, er muss sich nur hochziehen und mit einem nassen Fuß auf die kleinen schwarzen und weißen Kacheln treten. Die Badezimmerbibliothek mit gut 200 Bänden von A-K, also recht gut sortiert. Autoren und Buchtitel sollen hier nicht benannt werden, täte nichts zur Sache. Er liest alles querbeet und hat auch keine Angst davor Frauenliteratur zu lesen, zur Not auch mal eine längere Familiensaga. Bald muss er wohl endlich den Rest aus seiner alten Absteige holen, dann neu sortieren und wahrscheinlich reicht die Kapazität vor Ort dann nur bis G, der Rest muss in neu zu bauende Regale in den Flur ausgelagert werden. Dort ist noch Platz für acht Meter Literatur. Buche massiv, wie die alten Buchständer auch, unlackiert natürlich, Leimholz aus dem nahe gelegenen Baumarkt.

Das Wasser ist meistens viel zu heiß, muss auch so sein, wenn man lange darin ausharren will. Die Haut errötet dann in Sekundenfrist. Das berühmte Krebsrot. Freut sich nicht jeder blaue Hummer, wenn er lebend kopfüber in den kochenden Sud getaucht wird? Die alte Heizung blubbert gemütlich und rhythmisch vor sich hin, hätte eigentlich schon vor Jahren ausgetauscht werden müssen, aber die alten Körper tun es noch, zeigen noch keine Undichtigkeiten. Darauf stehen die Sportschuhe und Schlappen für den Sauna- und Nassbereich im Fitnessstudio. Immer wieder fällt ihm die Begrenztheit seines derzeitigen Habitats auf, nicht nur die Decken hängen zu tief, die Schrägen und kleinen Räume ist er noch immer nicht gewohnt. Es gab eine Zeit, da war es für ihn normal, in großen Räumen zu leben, ohne Begrenzung. Die Zeiten ändern sich, wenn auch ungewollt. Und trotzdem hat er bisher kein Mittel gefunden, diesen Zustand der Begrenzung zu ändern.

Das Bier ist kühl und schmeckt wie es muss, hefig, nicht jedermanns Sache. Mit zufriedenem Seufzen legt er sich in den Schaum, lässt sich unter die Oberfläche gleiten, wechselt die Perspektive von der Aufsicht in die Innensicht des Schaums und wird an Landschaften erinnert, die er noch vor kurzem vor Augen hatte. Der Sommer war noch bei Freunden in Goetheborg verbracht worden, zumindest eine Woche. Ausflüge zu den Schären. Mit dem Wassertaxi versteht sich, geregelter Fährdienst. Praktischerweise sind dort Bus und Fähre auf einem Ticket gekoppelt, ein Spottpreis, wenn man bedenkt, was eine Fahrt auf einem der deutschen Binnengewässer kostet. Günstige Ausflüge jeden Tag werden so möglich, fast schon Routine. Er hatte dort in einem noch nicht fertig renovierten Zimmer genächtigt. Ganz auf Luxus verzichtend eine wohltuende Gegennummer zu den in vorigen Jahren üblichen Hotelaufenthalten, die immer von Swimmingpool und Sauna abhängig gemacht worden waren. Dementsprechend teuer, als sei er ein Großverdiener. „Aber ein entspannender Urlaub muss doch sein“, hatte er als schlagkräftiges Argument zu hören bekommen, wenn auch nur leiseste Vorbehalte seinerseits überhaupt im Unterton mitklangen.

Zwischen den Schaumbergen finden sich vereinzelte Inseln, Schären eben. Lang driftet Herr Nipp dösend in diese Zauberwelt ab. Das Wasser kämpft sich an den Granitfelsen ab, die überwuchert sind von Flechten, meist gelben. Selten findet sich dort mal ein Sandstrand, er wirkt dann fast fremd, meist sind die Küsten karg, schroff und zeigen die Witterungsverhältnisse. Das Wetter ist eben nordisch. Hart. Man legt sich auf einen der großen abgerundeten Steine, gibt sich der Landschaft, dem aufsteigenden inneren Frieden hin. Meer, vereinzelte Weidetiere, einzelne nicht weiter störende Insekten und natürlich die abendlichen Plagegeister, Mücken. Böse stechende und saugende Mückeninvasionen. Direkt am ersten Tag hatte er sich neun dicke quaddelige Stiche zugezogen, vier davon im Gesicht, dieses ständige Gefühl, wie ein Monster auszusehen, so hatte die Haut gespannt. Trotzdem eine traumhafte Woche, bescheidenes Essen, manchmal auch Fisch.

Ganz entspannt schlummert er in seinem Bad ein, die Füße über den hinteren Badewannenrand gelegt, dort, wo sich der Abfluss befindet, den man niemandem im Rücken wünscht. Früher hatte er im Bad gegenüber dem älteren Bruder immer dort sitzen müssen, nicht gerade ein Vergnügen. Aber der ältere Bruder hatte die Macht. Er sinkt immer tiefer, als er zum ersten Mal Wasser einatmet, schreckt er hustend auf. Kein Gedanke mehr an Schweden, ganz wach würgend gibt sich Herr Nipp dem ausgiebigen Hustenreiz hin und muss trotzdem zwischendurch lächeln.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Außerdem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist Mikroblogging eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein.