Wörter und so weiter

Vor den Regalen stehen sie fast zeitverloren und fragen sich, was denn nun wohl zu lesen wäre. „Nein, kenne ich schon.“ oder auch „Nee, den mag ich nicht.“ Ganz beliebt ist auch „Ohgottogottogott.“ Also fliegen die Augen und Finger über die Buchrücken und rücken einiges zurecht oder heraus, schauen auf die Namen und Titel, die Klappentexte werden überflogen, alles schnell und etwas oberflächlich und dauert doch bei der Masse der Bücher, einige Bücher brauchen Zeit, aktive Zeit, kein passives Konsumieren ist möglich, sondern das willentliche Tun.

Sie finden Bücher, die so unglaublich leicht sind. Man kann sich kaum vorstellen, dass sie auf solch schweres Papier gedruckt wurden, andere müssten in Blei geprägt, in Granit geschlagen sein, auf Seiten, die nur noch von einem Stapler zu bewegen sind, einem Kran, der Tonnen heben kann. Es gibt fiese Bücher, die ihr Gift tief injizieren und den Leser schleichend umbringen. Über Jahre und Jahrzehnte mit Bitterkeit und süßem Rausch. Zumindest aber die Gedanken in tiefe Verwirrung bringen, einem riesigem Wollknäuel ähnlich vielleicht, das von der Katze abgewickelt wurde und dann nicht mehr zu retten ist. Wieviele Bücher sind es, die das Leben bewegen und ihren Samen pflanzen? Herr Nipp hatte irgendwann mal von einem Bücherlabyrinth gelesen, in das sich der Mensch immer weiter verstrickt. Hatte dieses Motiv dann bei verschiedenen Autoren entdeckt, bei Canetti und Moers, bei Eco und Borges. Das Denken erschien ihm als ein solches und oft eben auch das Fremddenken durch Lesen. Alles muss sich seinen Weg suchen und manchmal auch aufräumen und neue Bahnen ziehen. Wieviele Bücher sind es, die den Menschen durch Leben und Krankheit zum Tod begleiten können? Herr Nipp hatte immer wieder festgestellt, dass ihm Bücher gerade in den Umbruchzeiten eine sichere Stütze waren. Zur Not konnte er dann auch immer wieder mal ein Regal, einen Tisch abstützen, gegen die Unzumutbarkeit des Wackelns. Wer im Leben wackelt, der wird auch feststellen, dass alles andere beginnt zu wabern und flirren, zu ruckeln und verrücken, das Selbstbild allemal. Gerade dann können die Bücher Hilfestellung geben, durch das Erzeugen von Bildern, durch die fast meditative Handlung des Sichversenkens. Das wichtigste Motiv erschien ihm dabei aber der Kreis. Alles schien ihm zu kreisen, auch die Konzeption von Romanen und Sachbüchern. Was andere als Rahmenerzählung betrachten, kam ihm so vor, als würden sich konzentrische Wellenbewegungen treffen oder überlagern. Als würden sie paralysierende Bilder erzeugen, die ihn in Zustände von Trance versetzen. Wer gleichzeitig mehrere Romane und andere Seitenwerke liest, der schafft sich seinen eigenen Roman, Welthorizont. Sehr spannend, wenn die verschiedenen Handlungen und Gedankengänge sich verschmelzen oder zumindest Gespräche beginnen. In jedem Raum ein Buch liegen haben, in jedem Buch mit einem anderen Thema und doch irgendwie bezüglichen Gedanken konfrontiert sein. Ein Buch vielleicht mit alten Aquarellen und Stichen, mit Zeichnungen von und Texten über Pflanzen und Pflanzensammler vermischen sich mit dem Roman, der im anderen Raum gelesen wird, in dem zufällig ein Botaniker Ende des achtzehnten Jahrhunderts seine Kenntnisse über die Flora auf Japan erweitert. Da liegt in der Küche ein Werk über die Etymologie aufgeschlagen: Er hat gerade oder vor Stunden zufällig gelesen, dass „Wald“ eigentlich unbebautes Land bedeutet hat, dass es verwandt sein könnte mit lateinisch „vellere“: rupfen und auch etwas mit wild. So ziehen die Wörter ihre Kreise und nisten sich als Cluster ein, schlagen Verbindungen in alle Richtungen. Da liegt dann vielleicht im Wohnzimmer ein Roman über die Antarktis und die Sicht auf die Welt wird erweitert, auch hier Schifffahrt, welche die Welt verbindet und Pflanzen von einem Kontinent zum nächsten gebracht hat, Welten, die Herrn Nipp so fremd ist. Und im Badezimmer fahren die Ducks gerade auf einem alten Dampfer gen Urwald, um dort nach einem mysteriösen Schatz zu suchen.

Finger bewegen sich zuweilen in ihren, der Bücher, Bann gezogen. Was können diese neunundzwanzig Buchstaben nicht alles mit unserem Geist machen? Und während er darüber sinniert, steht er auch schon wieder alleine dort, hat sich wieder einmal in seinen Gedanken verlaufen und die Zeit vergessen.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Und außerdem präsentiert Haimo Hieronymus ab 2017 Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.