Die Würfelfalle

I

Gestern dachte ich, sagt Arthur, ich bin Schrödingers Katze. Ich dachte, das Leben ist ein ganz besonderes Gift, ich sah mich mal lebendig, mal tot. Und als ich aufhörte nach mir zu sehen, kam mir alles noch viel komischer vor – weder lebte ich noch war ich tot.

Du bist doch kein Zombie, sage ich. Du bist nicht tot in dieser Welt, aber du lebst ja auch nicht richtig.

Vielleicht ist das gut so, sagt Arthur. Wenn ich mein Bewusstsein abschalte, existiere ich im kosmischen Konjunktiv, ich ahne die gleichzeitige Existenz aller möglichen Welten.

Und wie sieht der irdische Indikativ aus?, frage ich.

Wenn ich denke, sagt Arthur, denke ich, ich entscheide mich immer für ein Leben in meiner Welt.

Gott würfelt also doch nicht?, sage ich.

Natürlich nicht, sagt Arthur, ich würfle selber.

Würfelst du auch deinen Tod?

Welchen?, sagt Arthur.

Den endgültigen.

In welcher Welt?, sagt Arthur.

In dieser hier.

Du denkst viel zu eng, sagt Arthur, du musst nicht um dein Leben würfeln.

Denken ist nicht würfeln, sage ich.

Gott denkt nicht, sagt Arthur, du kannst weiter würfeln.

Du lebst nur einmal auf der Welt, sage ich.

Ich habe sieben mal unendlich viele Katzenleben, sagt Arthur.

Und wie denkt Schrödingers Katze darüber?, frage ich.

Sie denkt wie ich, sagt Arthur, sie muss sich fragen, solange sie mich nicht sehen kann, ob sie schon tot ist oder noch lebt.

Kann sie auch würfeln?, frage ich.

Wenn du sie freundlich fragst, sagt Arthur, wird sie dir vielleicht antworten.

Aber wie verstehen wir uns?

Nun, sagt Arthur, ich muss ja keine Katze sein, das Sein spricht überall und stets durch alle Sprachen hindurch.

Das könnte Heideggers Papagei gesagt haben, sage ich.

Du sprichst mit ihm persönlich, sagt Arthur.

Dann heiße ich Schrödinger, sage ich.

Endlich, sagt Arthur, können wir uns unterhalten!

II

Die Geschichte von Schrödingers Katze ist absolut schizophren, sage ich.

Ja, sagt Arthur, ich denke, so ist das ganze Universum.

Ist Schrödingers Katze am Ende, sage ich, vielleicht Gott selbst?

Ich glaube, sagt Arthur, Gott wäre nicht glücklich, wenn er so eine Katze wäre.

Ich werde immer nach ihr schauen, sage ich.

Gott sieht selber zu, ob er tot ist oder lebt, sagt Arthur.

Das Universum wird immer trauriger, sage ich.

Alle Selbsterkenntnis führt in die Verzweiflung, sagt Arthur, das liegt in der Natur der Natur.

III

Gott würfelt sich selbst!, sagt Arthur.

Das dauert ewig, sage ich, aber das geht sowieso nicht.

Wieso?, fragt Arthur.

Entweder ist er da oder er ist nicht da, sage ich, das Würfeln ist sinnlos.

Aber wer würfelt dann?, fragt Arthur.

Du, sage ich.

Na bitte, sagt Arthur, da haben wir die Antwort.

Aber danach habe ich überhaupt nicht gefragt, sage ich.

Das ist doch nicht tragisch, sagt Arthur. Die Antworten fallen eben wie die Würfel.

 

***

Arthurgeschichten von Ulrich Bergmann. KUNO 2017.

Als intensiver Beobachter verfügt Ulrich Bergmann über die Begabung, noch die alltäglichsten Details in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken, um etwas über das Leben und die menschlichen Beziehungen zu erzählen. Er nennt seine Kurzprosa ironisch „gedankenmusikalische Polaroidbilder zur Illustration einer heimlichen Poetik des Dialogs“. Wir präsentieren in diesem Jahr auf KUNO alle Arthurgeschichten und warnen Sie: Ähnlichkeiten mit Lebenden oder Toten oder lebenden Toten sind zufällig, rein zufällig, absichtlich zufällig, zufällig absichtlich, rein absichtlich und nichts als die reine Absicht.

Weiterführend → Lesen Sie zu den Arthurgeschichten den Essay von Holger Benkel. – Eine Einführung in Schlangegeschichten von Ulrich Bergmann finden Sie hier.

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