Landkonzert

Es gibt Tage, an denen der werte Herr nicht vor seinen eigentlich vor ihm liegenden Aufgaben bewusst flieht, sie zumindest aber meidet. Er weiß dann, dass er sich auf den Hosenboden setzen müsste, zumindest die Erwartungen der anderen Menschen nicht zu enttäuschen. Doch sobald der Arbeitsplatz auch nur in Sichtweite kommt, tun sich Welten in ihm auf, schwarze Löcher der Faulheit und plötzlich weiß er, welche weiteren Versprechungen er gemacht hat, was noch so zu machen ist. Der Abwasch natürlich und die Wäsche muss auch unbedingt jetzt aufgehängt werden. Jetzt! Im Garten ist noch einiges zu zupfen. Auch wenn dort alles fröhlich vor sich hin gedeiht, einige Pflanzen stören die Gesamtkonzeption. Man kann es nicht verhehlen, auch wenn ein Garten den Eindruck von gewisser Natürlichkeit vermitteln soll, er ist immer gebändigtes Leben. Bestimmte Dinge wollen gemacht werden, auch Pflanzen, die er sehr mag, müssen in ihrem Wachstum begrenzt werden, damit sie andere nicht verdrängen. Andere Pflanzen müssen gefördert werden, auch durch eine Extragabe Wasser. Sonst dauert es nur wenige Jahre und es entsteht ein Einerlei. Die meisten Stauden wollen sich ungebändigt ausbreiten, dabei verbrauchen sie allerdings ihre eigene Grundlage mit der Zeit. Die Pflanzensoziologie in einem Garten ist künstlich. Auch die Gräser müssen gekürzt werden, schon aus Selbstschutz, wegen der Zecken. Und der ewige Feind jedes Gartenbesitzers, der Giersch ist jeden Tag zu bekämpfen. Natürlich ohne Gift, mit den Fingerspitzen. Und manchmal auch mit einem Schüppchen. Man sieht schließlich, was die Spritze in den berühmten Gabionengärten anrichtet. Sprach nicht Dieter Nuhr davon, dass viele Kleingartenanlagen eigentlich Sondermülldeponien gleichen, wenn man nur in die Hütten guckt?

An einem dieser Tage stehen nun drei Veranstaltungen an, die unbedingt besucht werden müssen, die sich auf wunderbare Weise ergänzen, ein Ganzes geben werden. Dies allerdings ist nur aus einem gewissen Abstand zu erkennen. Am frühen Nachmittag also, als alle Fährnisse des Pflichtarbeitens erfolgreich umschifft sind, gefüllt mit kleinen Tätigkeiten, bis hin zum Marktbesuch mit Obstkauf und letztlich erfolgloser Blumensuche, geht es mit einer größeren Gruppe zu einer Radtour auf das Land. Dort soll bei wundervoll gelegenen Fischteichen gegrillt werden. Kinder schwimmen in einem dieser Teiche, kreischen, quieken teilweise wie Schweinchen, die von ihrer Mutte (so wird das weibliche Mutterschwein in einigen Kleinstdörfern der Soester Börde tatsächlich genannt) weggescheucht worden sind. Einer der Anwesenden meint, dass es für die Ohren auf jeden Fall einfacher wäre, wenn man keine Mädchen mitgenommen hätte. Die umstehenden Männer schmunzeln, wissen sie doch um die derzeitige Mode des hohen Quietschens, das einige dieser pubertierenden Geschöpfe kultiviert haben. Die umstehenden Frauen senden ihre bösesten Blicke, jene, die auf der Stelle töten können und wenn nicht dies, so doch zumindest üble Krankheiten bis hin zum Herzinfarkt nach sich ziehen werden.

Das folgende Gespräch ergibt sich quasi automatisch, man war am vergangenen Wochenende oder Mitte der Woche bei einem Depeche Mode Konzert. Im Mittelalter besucht man gigantische Konzerte der Helden der eigenen Jugend und wundert sich, dass dort nicht nur die alten Lieder von früher gespielt werden. Neue Klänge, die ungewohnt für ungeübte Ohren sind. „Die neue Platte ist – äh – schlecht.“ „Ach ja, das war doch damals toll, als wir vorne direkt an der Bühne standen und jedes Wort mitsingen konnten. Master and servant. “ Dabei vergessen die beiden Herren, dass ohne die neuen Lieder diese achtziger Jahre Combo gar nicht mehr existieren würde. In der Versenkung verschwunden, wie 99 Prozent aus dieser Zeit. Nur wer sich stets erneuert, kann sich in die Gegenwart retten. Alle anderen werden höchstens als Nostalgie betrachtet und dann spielen sie irgendwann auf Kleinstkonzerten in Schützenhallen und auf Dorffesten. Es überleben die, welche sich einerseits musikalisch treu bleiben und andererseits ihre Klänge weiter entwickeln. Dann können auch nach Jahrzehnten ganze Sportarenen mit Menschenmengen gefüllt werden. Man verliert sich weiterhin in Betrachtungen über die Landschaft. Die Kinder und deren Zukunft sind immer wieder wichtige Themen und das nächste Schützenfest. Die Firma, welche Pleite gemacht hat, nach langer Tradition und das neue Auto mit Elektroantrieb. Man wagt kaum, es zu bestaunen. Alle Gespräche mit einer gewissen Melancholie unterlegt. Das ist wohl die Mentalität in diesem Alter.

Herr Nipp ist von diesem netten Grillgeplauder irgendwann gegen halb fünf aufgebrochen, da er noch zu einem 50. Geburtstag möchte. Im Ernst. Er freut sich darauf, seine Schwester, den Schwager zu sehen, den Rest der Verwandtschaft auch, wenn sie nicht gerade zu einer Sportveranstaltung mit dem Namen Ironman unterwegs ist. Auch dort spielende Kinder in stetem Wechsel zwischen Garten und Konsole. Ein Hin und Her. Immer wieder ergeben sich dort nette oder auch ernsthafte Gespräche. Bedenklich viel wird über Politik gesprochen. Zwischen Links und Mitte findet sich alles, sogar eine liberale Position hat den Mut sich einzumischen. Verrückterweise gerade diese Meinung ist bestens faktisch untermauert, so dass die Anderen irgendwann fast schon gedemütigt die Segel streichen müssen. Lediglich der ganz Linke unter den Gästen bleibt, hört zu und wirft taktisch klug seine Gedanken ein. Er bringt gerade dann, wenn es um die Wirtschaft, die Banken geht, den Redefluss des Ersten zum Erliegen, lässt ihn partiell straucheln und sich selber widersprechen. Plötzlich wabern altvertraute Klänge von Depeche Mode durch den Garten, man hat mit Kerzen in der großen Wiese unter den Apfelbäumen eine riesige 50 gelegt. „Walking in my shoes“. Es dämmert, schön. Dazwischen spielen die Kinder Ball oder werfen sich gegenseitig mit den Äpfelchen ab, die von den Bäumen als überflüssiger Ballast abgeworfen worden sind.

Um elf muss er aufbrechen. Nachher soll noch auf dem Land, irgendwo im Nirgendwo, ein Konzert stattfinden. Die eine Band will er unbedingt sehen und vor allem hören: Soleye. Mit der neuen Sängerin, deren Stimme zarter Schmelz, Wohlfühlsamt mit Seele ist, treten sie das erste Mal auf. Als er oben auf dem Berg ankommt, von der Straße aus den wunderbar ausgeleuchteten alten Bauerngarten sieht, als er das Wummern aus dem alten Bauernhäuschen hört, als er das erste Gesicht wahrnimmt, fühlt er sich wohl. Ja, auch in seinem Alter kann man noch zu solchen Veranstaltungen gehen, die nicht in Arenen stattfinden. Alles ist improvisiert, günstig und die jungen Menschen dort sehen irgendwie glücklich aus. Die meisten sind zwischen 20 und 30, viele Vollbärte, Hipster, viele Mädchen mit langen Haaren und Kleidern wie aus den Siebzigern, die meisten angeheitert in kleinen kleinen Gruppen zusammen stehend. An der Kasse, die aus einem schäbigen Tisch und umgedrehten Bierkästen besteht, zahlt er den verlangten Eintritt von immensen fünf Euro. Bei dem Gigakonzert, von dem vorher berichtet wurde, soll schon der Parkplatz sieben gekostet haben, zuzüglich dem Eintrittspreis von 78 Euro (inklusive Gebühren). Von den Bierpreisen wohl nicht zu reden.

Schon an der Kasse trifft er einige Bekannte. Der eine ein alter Fan von Herrn Nipps Schwester, in Ehren gealterter Gitarrist mit pfiffigen Augen, spricht als Begrüßung den Bauch des Neuankömmlings an: “Hast aber auch ein gutes Ränzchen bekommen.” Ein Anderer, ein DJ mit dem Künstlernamen Onetronic, den er schon vor einigen Wochen bei einer Kunstperformance gesehen hat. Ruhiger Mensch, man kann sich kaum vorstellen, dass er gleich mit seinen Eigenkompositionen die kleine Masse zum Kochen bringen wird. Am Mischpult wird er ein anderer sein. Aber jetzt hat er noch vier Stunden Zeit, trinkt in aller Ruhe irgendein alkoholfreies Getränk, vielleicht Tee. Der Dritte ist einer der Veranstalter, Mitglied der Gruppe, die Herr Nipp eigentlich sehen will. Wollte. Schnell wird ihm klar gemacht, die haben schon vor Stunden gespielt. Schade eigentlich. Inzwischen stehen einige DJs an ihren Turntables. Alles wummert und ist doch so entspannt. Immer wieder kommen Bekannte vorbei, die meisten zwanzig Jahre jünger. Ja und? Die Anwürfe, er hänge ja nur noch mit jungen Menschen ab, kann sich Herr Nipp wohin stecken. Ja, auch mit vielen von diesen hat er Kontakt, genießt dies und wie damals Herr Wowereit sagte: “Das ist gut so.” Auch wenn er sich oft als alter Mann fühlt, er hat immer wieder erlebt, dass in der Musik und Kunst das Alter gar keine Rolle spielt. Hier leben die jungen Menschen ganz bewusst die Reste ihrer Jugend aus, verkleidet oder zumindest leger gekleidet, mit T-Shirts und hängenden Hosen die Jungs, unglaublich viele Mädchen in Kleidern, die Haare lang fallen lassend oder auch kunstvoll hochgesteckt, wenig Makeup aber ein breites Grinsen im Gesicht.Wo vor einigen Jahren noch viele mit Dreadlocks herumliefen, findet sich jetzt gerade mal eine Schönheit mit Hennafärbung.

So bleibt er also kurz an der Kasse sitzen, vertieft sich in Gespräche über Gott und die Welt, über Wege, die gegangen wurden und Möglichkeiten, die in Zukunft erwartbar sind. Zum Teil ernsthaft, meistens aber wird auch hier gelacht. Der Abend ist lau, von der Kasse aus kann man in die Landschaft schauen, die Reste des Sonnenlichts sind tiefviolett noch zu erahnen. Irgendwann übernimmt er quasi automatisch die Position des Kassierers. „Du hast ein festes Gehalt und du bist alt. Da kann man davon ausgehen, dass du nicht in die Kasse greifst“, sagt der Veranstalter, zwinkert mit dem Auge und bricht plötzlich in lautes Gelächter aus. Auch das ist ein Zeichen von gegenseitigem Respekt. Er zieht seinen Süßholzkaustab aus der Brusttasche des verschmutzten und löchrigen Jacketts und zieht ab.

Die Klänge stehen ihm im Nacken, umspülen die ganze Meute, die Menschen machen ihre Scherze. Immer wieder versucht ein neuer Gast ohne zu zahlen herein zu kommen und wird freundlich aufgefordert. Die meisten freuen sich fast schon, erwischt worden zu sein. Es geht nicht darum zu betrügen, sondern um den Reiz. Von einigen wird Herr Nipp sogar gesiezt. Gegen halb zwei will er los, hat eigentlich nichts von innen mitbekommen, aber der Abend war nett. Ein Mitfahrer kommt dazu. Als beide den Kopf heben, meint der, es sei doch wunderschön im Sauerland, direkt nach einem Konzert die leuchtenden Sterne am Himmel zu sehen. Da brauche es gar keiner Riesenevents. Genau in diesem Moment hat Herr Nipp verstanden, dass dieser Tag wahrer Urlaub ist.

 

***

Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Und außerdem präsentiert Haimo Hieronymus ab 2017 Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.

Post navigation