Nüsse

Als er losging, zeigte der Himmel schon sein schwierig zu benennendes herbstliches Farbenspiel. Über die gesamte Fläche hatten sich Wolkenschläuche gebildet, die an den Rändern ausfransten, teilweise ineinander überliefen. Wie so oft, wenn Wolken nicht als geschlossene Masse auftreten, ergaben sich auf diese Weise immer fragwürdige Konstellationen, die zur Fantasie anregten. Diese fließenden Wasserdampfgeschwader wurden von unten beleuchtet, von einer rotorangen untergehenden Sonne, die viel weiter links den Horizont berührte als noch vor wenigen Wochen. Sie zogen schnell, als wollten sie sich vor etwas in Sicherheit bringen. Manchmal schien es, als seien die amöbig wechselhaften Himmelsgeschöpfe voller Leben. Formwandler.  Sie sind die Wellen auf unserem trockenen Ozean.

Das Vegetationsjahr zeigte die ersten periodischen Ermüdungserscheinungen, die Blätter hatten Verbissspuren von Insekten und Risse durch das dem Wetter Ausgesetztsein bekommen. In einigen Ecken sammelten sich schon ansehnliche Haufen von Laub. Vor allem aber hatten die Nüsse ihre Samen schon geworfen. Auf allen städtischen Straßen, die in den letzten zwei Jahrzehnten randständig mit Lambertsnüssen bepflanzt worden waren, hätte man zentnerweise leckerste Nüsse sammeln können. Sehr schnell zu sammeln. Einmal hatte Herr Nipp gesehen, wie eine Frau mit Besen und Schaufel bewaffnet die Reste von der Straße kehrte, in einen Sack gab, mehrfach schüttelte und die oben liegenden Hüllen einfach absammelte und wieder in die Gosse gab. Innerhalb kurzer Zeit hatte diese Frau mehrere Tüten voller Nüsse geerntet. Die Nusskuchen des gesamten Winters waren auf solche Art gesichert. Vielleicht auch ölhaltige Energie, vielleicht  für das nächstliegende Biokraftwerk. Darauf war wohl wiederum noch niemand außer Herrn Nipp gekommen, dass die Energiepflanzen demnächst in den Städten angebaut werden würden, als Schattenbringer. Die Straßenkehrmaschinen und vor allem ihre Fahrer würden eine unglaubliche Aufwertung erfahren, wenn den Bürgern erst einmal  verdeutlicht worden sei, dass nur durch deren Hilfe überhaupt eine individuelle Automobilität möglich ist. Die heimlichen Stars der Straße: Straßenkehrer. Man denke sich einfach mal, welchen Stellenwert diese bisher in der Geschichte hatten. Mehr belächelt als geachtet sorgten sie sich um die Reinheit der Innenstädte. Ohne sie dauerte es nur wenige Tage, oder Wochen, bis es zu einer völligen Vermüllung kam. Trotzdem wurde ihnen meist keine Dankbarkeit gezollt. Man beobachte doch einmal einen Kehrmaschinenfahrer, mit welcher Geschicklichkeit er die Fährnisse der zugeparkten Straßenfluchten umfährt. Wie ein Feinmechaniker der Stadt entfernt er hochmotiviert jeden noch so kleinsten Dreckkrümel und grüßt freundlich dabei. Doch selten nur begegnet ihm ein dankbarer Blick. Solange die städtische Sauberkeit Normalität ist, solange wird ihm kein Respekt entgegengebracht. Wie einer Hausfrau, die erst dann Reaktionen erhält, wenn etwas nicht so gut läuft, wenn sie vor Erschöpfung ihre Pflichten vernachlässigt.

Herr Nipp bückte sich, hob einige der hartschaligen Kerne auf, er würde sie im Laufe des Abends noch essen.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Außerdem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist Mikroblogging eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein.

 

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