Die Weinkarte

Zu den liebgewonnenen Traditionen unserer Gesellschaft gehört es, dass man sich abends zusammen setzt, ein Bier oder einen Wein trinkt und redet. Meist belanglose Themen, die besprochen werden, vielleicht aber unterhält man sich sogar über Kunst, Religion und Kultur. In ganz schlimmen Fällen wird das Gespräch politisch. Nicht dass Herr Nipp etwas gegen Politik gehabt hätte, er fand es allerdings immer sehr befremdlich, wenn einige Menschen mit Pauschalurteilen um sich warfen. In Zeiten der Eurokrise (wäre so ein typisches Wort des Jahres) wird genau diese denn auch thematisiert. Am vergangenen Abend hatte einer der Tischnachbarn Folgendes vom Stapel gelassen: „Die sind anders, sind alle faul, die Griechen, nicht so wie wir. Sagen die auch selber von sich, die kommen auch gar nicht aus der Krise raus, das müssen wir denn mal wieder auslöffeln, mit unseren Steuern. Die leben einfach alle in Saus und Braus und denken nicht nach und denken auch nicht an die Zukunft. Die können nicht mit Geld und das ist sowieso blöd, dass die den Euro gekriegt haben, die machen doch alles kaputt. Ich will eh die D-Mark wieder haben, das war noch eine Währung. Wir sind anders, wir Deutsche.“ „Findest du das nicht etwas pauschal abgeurteilt?“ „Stimmt doch, wir sind anders, wir machen alles immer korrekt, uns hätte das gar nicht passieren können.“ „Wer ist denn wir Deutsche? Meinst du damit die Beamten, die Angestellten oder die Selbstständigen? Die Millionenerben, die Mitglieder des alten Adels, die Norddeutschen oder die Bayern, meinst du damit die Facharbeiter oder die Hartz-IV-Empfänger in dritter Generation? Meinst du mit den Griechen eigentlich auch die jungen Akademiker, die keine Chance auf Arbeit haben, die Familienväter, die nicht wissen, wie sie ihre Familien versorgen sollen?“ „Ich meine einfach nur die deutsche Gründlichkeit.“ Leider konnte das Gespräch aus zeitlichen Gründen nicht weiter fortgeführt werden, doch Fragen blieben Herrn Nipp.

Eine Antwort bekam er einen Tag später in dem beschaulichen Städtchen Linz am Rhein. Man war mit Freunden in die Ratsstube eingekehrt, die damit Werbung machte, seit 1599 zu existieren. Dort konnte die Gruppe gut bürgerlich mit rheinischem Einschlag speisen. Wenige Gerichte, die solide verarbeitet schmackhaft auf dem Teller präsentiert wurden. Für eine Touristenstadt preisgünstig und gut. Auf Herrn Nipps Frage nach einer Weinkarte antwortete die Kellnerin: „Daran wird noch gearbeitet.“ Das also war die deutsche Gründlichkeit. Man stelle sich vor, welche hervorragenden Weine der letzten Jahrhunderte auf dieser Karte versammelt sein werden.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Und außerdem präsentiert Haimo Hieronymus ab 2017 Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.