Das Angebot der Nachfrage


Arthur am Apparat: Ich muss dich unbedingt sprechen, sagt er, sonst weiß ich nicht mehr, wer ich bin.

Du hast dich verloren, sage ich, und nun suchst du dich bei mir?

Ja, sagt er, so ähnlich. Ich bin nicht zu Hause und fühle mich so allein, dass ich selbst im Gespräch mit mir keinen Trost mehr finde, ich höre meine Stimme wie die Stimme eines Fremden, der mich verhöhnt. Da rufe ich in der Not mich selbst an, um meine Identität zu retten, und ich höre, wie die Stimme meines Anrufbeantworters zu mir sagt: Bitte sprechen Sie nach dem Signalton eine Nachricht auf Band!

Absurd, sage ich, und was hast du gesagt?

Ich habe mir das Du angeboten.

Und?

Ich habe das Du abgelehnt. Nicht mich, aber das Du.

Das musste doch nicht sein, sage ich.

Ach, sagt Arthur, ich denke, wenn ich mich sieze, komme ich besser zurecht.

Womit?

Mit mir selbst – mit der Welt werde ich schon fertig.

Die Welt duzt du also, sage ich.

Ja klar, ich bin ja außerdem viel komplexer als die Welt, sagt Arthur.

Ach so, sage ich.

Weißt du, sagt Arthur, als ich mir das Du anbot, hatte ich mich in einem irren Moment der Entfremdung von mir selbst zu retten versucht, aber so ein Versuch ist ja von vorn herein zum Scheitern verurteilt.

Wieso?

Wenn du die Distanz zu dir verlierst, gehst du dir selbst abhanden, sagt Arthur.

Na gut, sage ich, aber nur wer sich selbst liebt, kann auch die Welt lieben.

Diesem Irrtum verfallen leider sogar die wissenschaftlichen Experten der Seelenkunde, sagt Arthur. Was wir lieben, verraten wir, denn wir betrügen uns mit solcher Liebe nur. Die Welt aber muss man verraten, wenn man in ihr bestehen will.

Arthur, sage ich, ich sehe das alles nicht so schwarzweiß wie du.

Ach ja, sagt Arthur, du begreifst dich und die Welt dialektisch …

Ja, sage ich, das wäre auch für dich von Vorteil.

Nee nee, sagt Arthur, du flüchtest dich nur in die gemütliche Nische deiner privaten Relativitätstheorie und sagst zu allem und jedem Du. Das ist mir zu billig.

Immerhin komme ich mir und der Welt näher als du, sage ich.

Nur scheinbar, sagt Arthur, du lebst nur so dahin wie alle Hedoniker, das ist mir zu langweilig.

Arthur, verrätst du mir dein Lebensrezept?

Gern. Aber da kannst du selber drauf kommen. Ich muss mich immer wieder neu erschaffen. Jedesmal bin ich dann ein anderer. Da kann ich doch nicht du zu mir sagen.

 

***

Arthurgeschichten von Ulrich Bergmann. KUNO 2017.

Als intensiver Beobachter verfügt Ulrich Bergmann über die Begabung, noch die alltäglichsten Details in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken, um etwas über das Leben und die menschlichen Beziehungen zu erzählen. Er nennt seine Kurzprosa ironisch „gedankenmusikalische Polaroidbilder zur Illustration einer heimlichen Poetik des Dialogs“. Wir präsentieren in diesem Jahr auf KUNO alle Arthurgeschichten und warnen Sie: Ähnlichkeiten mit Lebenden oder Toten oder lebenden Toten sind zufällig, rein zufällig, absichtlich zufällig, zufällig absichtlich, rein absichtlich und nichts als die reine Absicht.

Weiterführend → Lesen Sie zu den Arthurgeschichten den Essay von Holger Benkel. – Eine Einführung in Schlangegeschichten von Ulrich Bergmann finden Sie hier.