Idyll

 

Es muß gegen zehn gewesen sein, als ich begann, über die alten Säcke abzulästern, die immer im Sessel einschliefen und keinen Fernsehabend geschweige denn die Beschälung ihrer Alten durchhielten. Als ich erwachte, war es halb zwei, die Frau war im Bett, und ich hatte mir den Hals fürchterlich an der Lehne verrenkt. Es passierte, was passieren mußte: ich lag in der Kiste, neben dem schnorchelnden Weibsbild, und war hellwach. Auch darüber hatte ich mich lustig gemacht, dreieinhalb Stunden zuvor. An die Möglichkeit, daß die Frau wachwerden und etwas von mir wollen könnte, wagte ich nicht zu denken. Ich verdrängte die dummen Gedanken, furzte noch ein bißchen vor mich hin und schlief zwei, drei Stunden – am Morgen verfluchte ich die alten Kerle, denen es eingefallen war, solche Schlaffhälse zu sein, daß sie, so schien es mir wenigstens, wie in einer schlechten Verschwörung bis in mein Leben ausstrahlten, der ich, fünfundfünfzigjährig zwar und nicht viel auf die Reihe gebracht, aber doch wohl von ganz anderem Schrot war … Jedenfalls dachte ich das, als ich mir das Frühstücksbier aufmachte und brubbelnd begann, die Zeitung zu lesen. Die Frau hingegen summte etwas und richtete fröhlich das Frühstück; sie hatte gut geschlafen, sagte ich mir … und für Donnerstagabend, wenn ich mit den Kumpanen in den Ratskeller einzog, hatte sie sich einen jungen Ficker bestellt, er mußte um einiges jünger sein als ich und von exotischer Ausdauer und Großschwänzigkeit; und er wußte offenbar, das ließ sie mich, obwohl ich nichts ahnte, durch ihr Summen hindurch spüren, ihre Qualitäten zu schätzen. Aber davon ahnte ich wie gesagt nichts – sollte sie sich die faltige Schachtel doch versilbern lassen, solange ich nichts davon erfuhr; und ich arbeitete indes an meiner abendlichen Schmährede auf die ranzigen Säcke, die es ihrer Alten nicht richtig besorgten … und wenn ich den Schluß meiner eigenen Rede nicht verpassen wollte, das war mir klar, dann mußte ich auf der Hut sein.

 

 

***

André Schinkel, porträtiert von Jürgen Bauer

Weiterführend → Lesen Sie auch das KUNO-Porträt des Lyrikers André Schinkel.

Poesie zählt für KUNO weiterhin zu den identitäts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer poetologischen Positionsbestimmung.

 

Post navigation