Der Zettel

„Grauzarte Nebelbänke hatten sich in dieser Nacht sanft über die Landschaft geschoben, sie in ihren weichen Dunst gehüllt. Die Sicht auf die Hügel dieses Mittelgebirges hatte eine Ungenauigkeit angenommen, als blicke man durch opakes Glas. Die sonst so harten Konturen milderten sich im Auge des ruhig gewordenen Betrachters. Schicht um Schicht hatte der Wasserdampf die Umgebung in eine lasierte Erinnerung verwandelt. Alle Einzelheiten hatten sich aus dieser Nebelwelt verabschiedet. Das Einzigartige der Details war verschwunden, gefangen unter einem zärtlichen Mantel. Eine sanfte, fast gnädige Schwermut hatte sich auf ihn gelegt. Dieses Sehen durch den Weichzeichner der Fensterscheibe lullte ihn langsam aber sicher ein. Nicht die sonst übliche Wachheit, die ihn kennzeichnete, konnte sich jetzt ausprägen, sondern eine fast befremdlich anmutende Schwere. Müdigkeit. Sie zog ihn hinab in Schlummers Arme. Schlafwandlerisches Geborgensein. Die Heimat des leisen Rausches. Schon fühlte er das Streicheln zarter Finger auf der empfindlichen Haut seiner ausgeprägten Wangenknochen, als…“

Genau in diesem Moment seines Schreibens fiel ein Lichtstrahl durch die beharrliche Wolkendecke. Lächelnd las er den völlig verkorksten Text und zerknüllte den Zettel. So konnte heute kein Buch beginnen.

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Und außerdem präsentiert Haimo Hieronymus ab 2017 Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.

 

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