Die Brücke und das Rad

Mit Schlange gelingt mir alles, sagt Zauber, nichts ist zu schwer. – Na klar, sage ich, das ist die Macht der Liebe. – Ja und nein, sagt Zauber, das eine bedingt das andere, alles hängt mit allem zusammen. – Konkreter, sage ich, gib mir ein Beispiel! – Na gut, sagt Zauber, gestern haben wir die Schwerkraft so gut wie aufgehoben, Schlange flog über mir. – Klar, sage ich, das ist in der Liebe so. – Das ist keine Metapher, sagt Zauber, wie ein Hubschrauber drehte sich Schlange über mir, auf mir, über mir. Ich machte die Brücke, sie das Rad. – Reine Männerphantasien!, sage ich, die Welt als Wille und Vorstellung. – Nein nein, sagt Zauber, es kommt auf das richtige Knowhow an. Ich sage nur  Kamasutra. – Das Buch der 64 Stellungen?, sage ich, da wird die Schwerkraft nicht aufgehoben! – Ja und nein, sagt Zauber, natürlich musste ich mit Schlange lange üben, das eine bedingt das andere, erst die einfachen Stellungen, dann die schweren, und so schraubst du dich langsam nach oben, und plötzlich verstehst du die Welt und dein eigenes Sein als ein System von gekoppelten Differentialgleichungen, auf einmal gelingt dir alles, die Brücke, das Rad, Brücke und Rad gleichzeitig und – du fliegst! – Du redest, sage ich, von nichts Geringerem als der Verschmelzung von Bild und Wirklichkeit? – Ja, sagt Zauber, wenn du so willst. Schlange und ich transzendieren die Wirklichkeit ins Bild. – Du meinst die Liebe, sage ich. –

Ja, sagt Zauber, ohne Liebe keine Brücke, ohne Schwerkraft kein Rad. Das eine bedingt das andere. Alles hängt mit allem zusammen.

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Schlangegeschichten von Ulrich Bergmann, Kulturnotizen 2016

In den Schlangegeschichten wird die Dialektik der Liebenden dekliniert. Ulrich Bergmann schrieb mit dieser Prosafolge eine Kritik der taktischen Vernunft, sie steht in der Tradition der Kalendergeschichten Johann Peter Hebels und zeigt die Sinnlichkeit der Unvernunft, belehrt jedoch nicht. Das Absurde und Paradoxe unseres Lebens wird in Bildern reflektiert, die uns mit ihren Schlußpointen zum Lachen bringen, das oft im Halse stecken bleibt.

Weiterführend →

Eine Einführung in die Schlangegeschichten von Ulrich Bergmann finden Sie hier.