Erinnerung als Geschenk

 

In manchen, und das sind nicht nur die extremen Situationen, verdrängen wir die Erinnerungen an unsere Erlebnisse, selten sind die Menschen sogar in der Lage, sie ganz unterbewusst zu vergessen. Eine teilweise Amnesie, gewünscht, vielleicht sogar notwendig, um nicht verrückt zu werden. Wer will schon daran erinnert werden, von einer schönen Frau irgendwann in die Schranken gewiesen worden zu sein. Wer wollte schon noch wissen, dass sie es war, die als erste die Realität erkannt hatte, den Schlussstrich zu ziehen bereit war, auf die eigenen Kosten versteht sich? Tatsächlich ist der Mensch immer wieder in der Lage seine Erinnerung neu zu interpretieren und plötzlich weiß man um die Perspektive der anderen Miterlebten. Man erschafft sich mit jedem daran Denken eine neue Vergangenheit. Zuweilen soll es aber auch vorkommen, dass man tatsächlich ohne eigenes Zutun etwas vergessen hat und dann daran erinnert werden muss. (War es nicht so im Sommer gewesen, als im Rausch der Ereignisse jenes Feuerbild gemalt wurde, das fast eine Katastrophe geworden war? Hatten ihn nicht die Anderen daran erst Wochen später erinnert?) Sei es durch einen Tagebucheintrag, den man irgendwann ganz zufällig findet, oder durch einen zunächst belanglosen Zettel, der sich in der hinteren Tasche einer abgetragenen Hose findet. Herrn Nipp war dies so geschehen, als er den unleserlich geschriebenen Zettel in seiner Arbeitshose fand, den zu entziffern ihn durchaus einige Minuten höchster Konzentration kostete.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Außerdem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist Mikroblogging eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein.