No sports!

12. Juni 2014
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Natürlich ist Sport auch ein literarisches Thema. Aber woran liegt es, dass es offenbar wenige wirklich starke Dichtungen mit Sport als primärem Aspekt gibt?

Auffällig ist, dass ernste Sport-Lyrik überhaupt nicht existiert (mir fallen die absurden und spielerischen Sportgedichte Ringelnatz’ ein, in denen Sport zwar als äußerliches Phänomen primär steht, aber verulkt wird oder als Instrument dient, um menschliche Eigenarten oder Seelenzustände zu karikieren – dabei ist das Mittel selber schon komisch).

Ein Sport-Drama kenne ich nicht (Jellineks Sportstück benutzt Sport sexual-metaphorisch; allerdings muss dieser Aspekt auch gelten).

Ich kann mir erotische Sport-Literatur (oder Literatur mit Sport) gut vorstellen, auf der Bühne nur als Farce; ernster im Film, der das Komische schneiden kann.

Andererseits steht die Schönheit eines sportlichen Körpers sehr leicht auf der Kippe zum Komischen oder gerät leicht in die Zone politischer Peinlichkeit – das zeigt auch die jahrzehntelange Diskussion um den Bildhauer Arno Breker. Die in der Zeit des europäischen Faschismus entstandenen Körperskulpturen, eine Mésalliance des athletischen Ideals der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der griechischen Klassik, sind einerseits in den Kontext totalitärer und kriegerischer Denkweisen eingebunden, andererseits Idole eines Körperkults, der die Äußerlichkeit, die messbare Schönheit, die Pose zum Inhalt macht und die Einheit von Körper, Geist und Seele oder Form und Inhalt nur behauptet, aber nicht einlöst.

Sport-Philosophie, auch wenn sie den ästhetischen Aspekt, was sie leicht kann und gern tut, vernachlässigt und sich auf den biologistischen Aspekt beschränkt, Trainings- und Leistungslehre zu sein, hat es schwer wirklich ernst genommen zu werden.

Messzahlen stören sowohl das Ideal der schönen Bewegung als auch die Übereinstimmung von Geist und Körper; es steckt der anglo-amerikanische Glaube dahinter, alles sei trainierbar und machbar; diese derzeit herrschende Sportphilosophie, die von den jeweils imperialen Mächten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts erzeugt wird, hat sich inzwischen wie eine Mode in der ganzen Welt ausgebreitet – eine billige, für jeden leicht zu verstehende und scheinbar harmlose Ideologie, sich ein glückliches Leben vorzumachen. Der Leichtathlet Dieter Baumann („Laufen ist mein Leben“) ist die entsetzlichste Karikatur solch eines Irrtums. Es fehlt ihm die Grazie und Schönheit der Bewegung nach dem Vorbild der griechischen Klassik, ihm fehlt jede Spur von Erotik, und der Geist seiner Sport-Philosophie, die er mit Hilfe eines Journalisten in einem Buch mit eitel demonstrierter Bescheidenheit offenbart, liegt in seiner unerträglichen Seichtigkeit blank vor uns.

Sport hat etwas Zauberbergiges an sich. Er ist eine künstliche Welt, eine immer grotesker werdende Kultursphäre, der das Wahre fehlt, die das Authentische nur behauptet. Diese Kultursphäre ist eine Tatsache. Mir fällt auf, dass Sportler als Helden, die sich auch in anderen Kulturtravestien wie z. B. in der Pop- und Rock-’Szene’ finden, verklärt werden, insbesondere von dem Typ Realist, der in der positivistisch messbaren Welt seiner Kultur endlich Realität und Halt findet. Da wird dem Sport geradezu etwas Quasireligiöses zugemutet.

Je mehr ich über den Sport als literarisches Thema nachdenke, umso mehr erkenne ich: Sport taugt nur sekundär als Thema, er hat es leichter als Kulisse. Der Sportler wird das Groteske nicht los, er kann tun, was er will – seine Anstrengungen werden, in allen Sportarten, immer als Anstrengung sichtbar. Der Prosa des Ultra-Läufers Günter Herburger merkt man die Anstrengung an, das Triviale zu transzendieren, das die sportlichen Gefühle beherrscht.

Sportler messen, weil sie Beweise ihrer privaten und öffentlichen Siege brauchen, und genau das treibt jeden Sportler und jede sportliche Bewegung über die Grenze des Schönen und Wahren, verzerrt und zieht ihre Arbeit, die immer zu angestrengt und künstlich, zu selbstbezogen und zugleich angepasst wirkt, ins Lächerliche und lässt nur untergeordnete literarische Funktionen zu: Sport als Groteske, als Karikatur, als Satire, als Bild des Absurden, als Tatort kriminalästhetischer Handlungen, als Sphäre der Oberflächen-Erotik – Sport bleibt als literarischer Stoff sekundär, Beiwerk, Attrappe, Kulisse, ist aber nie autark.

Ein großer Sportroman kann nicht geschrieben werden, es sei denn als Legendenklitterei, Biografieroman oder Compendium kitschiger Anekdoten, wie sie zur Befriedigung sportfanatischer Begierden schon lange existieren (la littérature du Tour de Trance).

Wenn es gelingt, das prägnant Ästhetizistische in der Sphäre des Sports (nicht als triviale Groteske oder Karikatur des Absurden, sondern etwa als manieristisches Märchen über  Körpersprache, Körperdichtung oder als Choreographie der Körperlichkeit) herauszuschlagen wie wertvolles Erz aus sprödem Gestein;

wenn es gelingt, unter der banalen Anstrengungsoberfläche des durch Regeln domestizierten messbaren und damit entwerteten Kampfs Leben literarisch zu gestalten, also zu erdichten (aber das bezweifle ich schon, indem ich die Bedingungen formuliere);

wenn es gelingt die Langweiligkeit des Gesamtphänomens Sport aufzuheben (Sport ist die bürgerliche Vorstellung vom fairen Leben, von der Demokratisierung der Gefahr und des durch Leistung ins Diesseits projizierten Paradieses, so eine Art selbstgemachte Republik mit dem Charme des Versicherungsrechts…  ich komme immer wieder irgendwie zum Zauberberg… der Sport steht der Entsagung und der Disziplin mittelalterlicher Orden nahe, allerdings als Abziehbildchen; er hat zwar auch etwas Theatralisches, allerdings ist es die Bühnenkunst einer großen schweigenden Mehrheit, ein kommerzielles Musical mit Gleichschaltungsmotiven, ein Schlagerpotpourri von Sentimentalität und schmierenkomödiantischem Pathos, und zwar nicht nur in der Mogelpackung des Fernsehens, sondern tief drin im Herzen der Massen, die ein Leben in real existierender Künstlichkeit vorziehen, den kleinen Reiz eines geregelten Instant-Masochismus genießen oder ihre Kindlichkeit fortsetzen, mit der sie ihren Narzissmus öffentlich ausleben können – der lächerliche, wenn auch verständliche, Versuch jung zu bleiben. Sport ist, im besten Fall, die groteske Anstrengung des Körpers Todesangst zu verdrängen – und wieder fällt mir Thomas Manns Zauberberg ein: „Du sollst dem Tod keine Macht einräumen über deine Gedanken…“, erkennt Hans Castorp für einen kurzen Moment, im „Schnee“-Kapitel, bis er dann aber wieder vergisst oder verdrängt, was er erkannt hat -, aber heute erleben wir in einer Massenbewegung die Verdrängung des Todes als reproduzierbare kultische Exkursion ins eigene Innere – ein erneuter abendländischer Versuch Körper und Geist zu einen; diesmal, in Umkehrung der Mystik, rutscht der Kopf zwischen die Beine – das Vordringen dieses verstiegenen Körperkults, der seine erste Hochzeit in der Zeit der deutschen Diktatur hatte, zeigt sich – das ist für mich nicht überraschend – vor allem in der nordamerikanischen Literatur: Vagina-Monologe heißt ein Theaterstück, dramatisierte Collage einer wissenschaftlichen Studie über 200 Frauen, die über sexuelle Erfahrungen sprechen; und die Körperreflexionen Lisa Andersons aus dem Internet demonstrieren gut, wie einfältig der Kopf formuliert, wenn der Körper denkt) –

wenn also aus dem Sport Geschichten gewonnen werden, die mit dem Leben oder mit der Kunst, was dasselbe ist, wirklich zu tun haben, dann vielleicht kann ein ‘primäres’ Kunstwerk als Sportroman, Sportdrama oder Sportgedicht gelingen, vielleicht aber auch (eher) nicht.

Nicht dieses eindimensionale Prinzip „citius altius fortius“, das sich an positivistisch banaler Grenzerweiterung orientiert, kann mich begeistern, sondern nur die Einheit eines Kunstwerks im Unbegrenzten, Ungeregelten und Ungezähmten: Etwa Richard Wagners Ring des Nibelungen, das Klarinettenquintett von Johannes Brahms, Wolfgang Rihms Violinkonzert, Thomas Manns Zauberberg, Franz Kafkas Process, Krieg von Rainald Goetz, Thomas Bernhards Alte Meister, Francis Bacons oder Edward Hoppers Gemälde, Joseph Beuys’ bildhauerische Werke, oder Pina Bauschs Tanztheater… Das ist meine Welt. Nicht die arme Welt von Anstrengung, Zucht und Züchtigkeit, Drill und Doping, Verkrüppelung von Geist und Seele in einer Trainingszelle, die Ersatzwelt für die echte Herausforderung ist, die nicht gesucht oder nicht gefunden wurde, und damit bin ich ein letztes Mal beim Zauberberg.

Das armselige Repertoire von Gebärden und mimischen Zeichen, nicht zu reden von den peinlichen Statements und Rechtfertigungen in den Medien, übernehmen die Sportler, die außer der messbaren Leistung nichts Eigenes erschaffen, aus der Sphäre der kommerziellen Massenunterhaltung, mit der die Sportbranche ja längst vernetzt ist.

Wie soll da der Sport bei soviel Sekundärem, bei soviel Unechtheit, vertaner Anstrengung und biederem Handwerk der Stoff sein für ein Kunstwerk, das nicht  das Groteske, Absurde zum Thema hat?

Das freiwillig Absurde und Groteske in der Lebensweise vieler Mitmenschen! Sport demonstriert, dass der in den reicheren Gesellschaften, insbesondere in den kapitalistischen Ländern der nördlichen Hemisphäre, entstehende ‘Menschenpark’ zur Selbstentfremdung des Menschen führt: Voyeurismus und Narzissmus sind Formen dieser Massen(selbst)befriedigung einer relativ inhumanen Luxusgesellschaft.

In den Reaktionen von akademisch gebildeten Sportaktiven wird mir der Vorwurf gemacht, die Welt des Sports sei völlig anders, ich hätte keine Ahnung, so sei das alles nicht. Mit Sportlern kann man über Sport nur in einem internen und sehr technischen Sinn reden, das Gefasel vieler Sportler von Selbsterfahrung ist so eindeutig körpersüchtig und hormonisch, dass man sagen kann, es geht nur darum sich selbst und den Massen zu gefallen. Ich weiß, dass es auch  Argumente für den Sport gibt – mich interessiert aber nur echte Selbsterfahrung und der Aspekt des (Selbst-)Schöpferischen. Sport ist jedoch weitgehend in Zahlen gemessene ‘positivistische’ Körperleistung und Reproduktion.

Ich sehe also nicht die Möglichkeit, das beklagte Missverhältnis zwischen Sport und Dichtung dialektisch aufzuheben, aber ich habe mich mit den Totenblättern, die Sportgeschichten und zugleich Gedankentänze, Sprachspiele und hintergründige Parabeln sind, für die Möglichkeit entschieden, das prägnant Ästhetizistische in der Sphäre des Sports, als manieristische Märchen und Choreographien der Körpersprache, wie Erz aus sprödem Gestein zu gewinnen.

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Lesen Sie auch den KUNO-Artikel Touristen mit Fotoapparaten. Und in diesem Zusammenhang möchte ich auf ein KUNO-Gespräch mit Theo Breuer hinweisen.

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