Die blaue Stichflamme des Vogelgesangs

Einiges an Aufregung steht uns in diesem Dreizehn-Jahr bevor, wovon das Erscheinen des neuen Depeche-Mode-Albums das Einzige sein dürfte, über dessen Ausgang wir halbwegs Bescheid wissen. Wir werden nach der Degradierung unserer allerobersten Schultante noch staunend die Einführung der Einheit ‚Brüderle‘ für dahinwelkende Männergierden (oder die Gier der Damen, den mächtigen Männern eins auszuwischen?) erleben … mit Känguruklöten vollgefressene Z-Promis, die falb und nach Fischabfällen duftend durch die Talkshows dieser Republik ziehn … die ersten Kindle-Cyborgs, im Spielmodus verhakt.

Da ist es gut, um zwei tröstliche Dinge zu wissen – dass in diesem hyperventilierenden Land noch Bücher erscheinen, die diesen Namen tatsächlich verdienen … und daß es Rückzugsorte gibt, an denen einem der hysterische Common-sense nicht fortwährend auf die primären Anhänge der Fortpflanzungsorgane geht. Das eine wie das andere liegt in unserem Fall vor: ein bemerkenswerter Band mit Gedichten in einer Aufmachung, daß man jeden Bibliophilen versteht, wenn er übers haptische Beschnuppern noch nicht hinausgekommen ist, ihn aber zugleich zu belehren hat, dass er in seiner Saumseligkeit so einiges verpasst. Zum anderen einen Autor, der gegenüber der metropolitanischen Selbstüberkullerung die (durchaus auch ambivalente) Aufgeräumtheit der Provinz schätzt, in ihr verharrt und den Blick aus der Stille in das Konvulsieren richtet … und dessen Lautstärkeempfinden erheblich vom Schlag der Drosselschmiede bestimmt wird – weniger vom Hämmern und Fauchen irgendeiner post-industrialen, im weitesten Sinne kleckerkundlichen Wichtigtuerei.

„Ich wusste gar nicht, dass ich manchmal bete. / Eine Katze und eine Alte verlangsamen dieses Gedicht, / in dem es zögerlich Tag wird, sie hängt die Wäsche / ihres Sohns ab, der seit Jahren nicht mehr schreibt“ – das ist eine der Gesten, die in „Uhren zogen mich auf“ herrschen. Ulrich Koch, dessen neue Gedichte nicht nahtlos, aber doch beherzt an die der  Vorgängerbände anschließen, ist ein Dichter auf dem Qualitätsplanum von Andreas Altmann, Hans Georg Bulla und Jürgen Nendza, die unter anderen Umständen als eingeschlafenen Kritikerfüßen allesamt für kulturbetriebliche Furore sorgten. Eine seltsame Stille herrscht um diese anderthalbe Generation Autoren, die zum Teil im Poetenladen eine Heimat gefunden haben … das Beschweigen durch die selbsternannten Lyrikauskenner, die die ‚Dichterwege‘ vor ihrer Haustür beschreiten, brav konnotierte Unvollständigkeiten herausgeben und Hilbig einen großen Dichter sein lassen, ohne ihn je gelesen zu haben.

Im vergangenen Herbst erschienen, zählt „Uhren zogen mich auf“ dabei, ganz ähnlich wie Bullas „Wechselgetriebe“, Altmanns „Art der Betrachtung“, zum Beeindruckendsten, was auf dem Gebiet der Kontemplation, des Absteckens der verlorenen Paradiese geleistet werden kann. Kochs Texte reden von der Stille, dem Glück in und dem Überdruss („Schande den Dörfern, Schande den Dörflern“) an der Provinz, aber beileibe nicht allein davon. Die „blaue Stichflamme des Vogelgesangs“ durchzuckt die Gedichte des gebürtigen Winseners, der auf seiner Webseite (www.milchmaedchenpresse.de) eine Horde ähnlich Gesinnter mit je einem Gedicht um sich geschart hat; der sanfte Atem einer Muse, von der man nicht weiß, ob es immer dieselbe ist („Da hatte sie den Blick / schon wieder gesenkt …“), das Rauschen hinter den Dingen, das Hoppeln der Traktoren durch den Kuchenduft („Auf den Mützen der Idioten / taut der letzte Schnee …“) Einen freundlichen Misanthropen hat man Ulrich Koch genannt, einen, der sich in der Berufung des hingerissenen Skeptikers ausbildet, dem in der Zumutung der Zeit, der Ratlosigkeit nach dem abziehenden Katastrophen-Äon die Amsel am Rand des Stillebens auffällt, die die menschenüberwallte Erstarrung für neues Nistwerk zerspleißt. Das mag seine Gründe haben, wie auch das weitgehende Schweigen der Erleuchteten dazu. Es geht nicht darum, dem Pulsieren dieser Jahre gegenüber nicht aufgeschlossen zu sein. Es geht, so mag es sein, um die neuerliche Engführung des Wichtigen mit dem Tatsächlichen, ein Weg, der mit dem Blick über Felder noch möglich ist.

Vielleicht. Von Ulrich Kochs Gedichten jedenfalls geht dieser Sog noch aus, der sich eben nicht im Abmustern der Screenshot-Stakkatos, die für unser Leben herhalten sollen, genügt und erschöpft. Es ist etwas Seltsames um das Verlorengehen in der Paradiso-Verheißung („Klopf an, / wenn du ins Freie gehst“) dieser Jahre … und eben Tröstliches, dieses handliche wie schöne Buch im Rücken zu haben, das verschmitzte und zugleich tiefernste Wägen aller Worte in dieser prononcierten Anti-Kleckerkunde. Und dahinter pulst der Drang zu einer geradlinigen Unbeirrbarkeit, flankiert von Momenten unfasslicher Nähe („Wir liegen im Bett / und zählen langsam bis zwei“) und Übereinkunft („und schlafen bei eins“). „Uhren zogen mich auf“ – ein wichtiges, ein beglückendes Buch.

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Ulrich Koch Uhren zogen mich auf. Gedichte, Poetenladen Verlag Leipzig 2012