Lilakäppchen und der Steppdeckenwolf

Windstille Zeit in der Fernvergangenheit. Ein trister Sommertag des Jahres 1979. Kohlenmonoxydspeiende rush hour. Die Dunstglocke hat sich an die Stadt gepresst, als sie übermüdet von der Sprühaktion „Keine kommerzielle Zurichtung der Frauen!“ gegen die patriarchalische Erniedrigungsindustrie in ihre Frauenwohngemeinschaft zurückkehrt. Ihre MitbewohnerInnen sind bereits ausgeschwärmt. Lilakäppchen findet auf einer Jugendstilkommode, die sie in der Vorwoche vor dem Sperrmüll gerettet hat, ein Blatt Umweltschutzpapier vor, auf dem mit dem Gänsekiel und violetter Tinte folgendes niedergeschrieben ist: „Dein Erzeuger rief gestern an. Er sagte, dass es deiner Grossmutter sehr schlecht ginge und du sie möglichst schnell besuchen solltest!“

Betroffenheitsrituale. Da Lilakäppchen neben allen anderen Frauen auf der Welt ihre Grossmutter am liebsten hat, packt sie einen Korb mit Haferflocken, Sonnenblumenkernen und anderen biodynamischen Überlebensmitteln, von denen sie weiss, dass ihre Grossmutter sie gern isst. Sie setzt ihr flauschigtes Lilakäppchen auf und schlüpft in eine frischgewaschene Jeans. Ihre Lieblingshüfthose ist fliederfarben eingefärbt, bestickt mit Perlen, Bändern und mit Metall aufgepeppt. Gut kann sie sich damit nicht bewegen. Flickenjeans engen ein. Das ist aber auch das Sinnliche an ihnen, sie fühlt darin immer ihren Unterkörper. Sie besieht das Resultat im Spiegel, poliert ihr Frauenzeichen blank, heftet den neuesten Sticker gegen irgendwas an ihre Jutejacke und geht los.

Die Grossmutter von Lilakäppchen wirkt porentief eigentlich, sie wohnt am anderen Ende der Dunstglocke, und von da aus noch weiter auf dem Land in einem schönen alten Bauernhof, mit Plumpsklo auf dem Hof, die nächste Autobahn ist kilometerweit von dieser Oase der Friedfertigkeit entfernt, und ein Atomkraftwerk ist für diesen Landstrich auch noch nicht geplant.

Das ist jedoch der einzige Nachteil: frau kann diesen Hof nur durch einen dunklen Wald erreichen. Weil die umweltschützenden Fahrräder allesamt wieder irgendwelche Defekte aufweisen, die eine naturschützende Fortbewegung behindern, fährt Lilakäppchen mit der öffentlichen Verkehrsgesellschaft schwarz. Dies ist jedoch ein gefährliches Unternehmen. In der letzten Zeit sind einige Frauen von Kontrolleuren angemacht worden. Gegen diese Busengrapscher hat die Szene spontan eine Demo organisiert und Lilakäppchen wurde aufgrund eines Infostandes Ohneglied des Aikidovereins lilith e.v. Seitdem hat sie auch körperlich keine Angst mehr vor diesen Chauvinistenschweinen.

Ihr Vater hat ihr Disziplin beigebracht; sie hat darunter gelitten, dass sie keine emotionale Bindung zu ihm hatte. Zeichentrickfiguren haben keine realen Probleme. Sie hat sich in ihrer Kindheit gewünscht, auch so eine Figur zu sein. Sie weigert sich so zu leben, wie die Anderen, die eine wie sie auch nicht zulassen würden. Und so lebt sie weiterhin ein Konzept der offensiven Jungfer nach dem Motto: Männer kommen und gehen, Freundschaften bleiben bestehen. Lilakäppchen ist überfüttert mit Selbstvorwürfen und emotional ausgehungert. Nach der Lektüre einer linksradikalen Frauenzeitschrift denkt sie entschieden über die unveränderlichen Fragen Alleinstehender nach: Welche Kerle sind eigentlich wirklich anziehend, die, die gehemmt sind, die sich nicht trauen, emanzipierte Frauen anzusprechen – oder sind die Kerle am besten im Bett, die ihren Arsch gut über den Dancefloor bewegen?

Lilakäppchen hat sich beim Lesen an den Ecken und Kanten wundgestossen, sie sucht Rat bei einer Vorläuferin. Der gelebte Augenblick ist zuallerletzt eine Sache der Evidenz. Authentizität muss mühsam errungen werden. Sie klappt abermals das Buch auf. Versunken in tief greifende Erinnerungen nach der Lektüre des goldenen notizbuchs erreicht sie nach mehrmaligem Umsteigen den Rand der Dunstglocke.

Der schwierigste Teil des Weges steht bevor. Selbigen will sie nutzen, um Walderdbeeren für das Müsli zu pflücken, das sie ihrer Grossmutter meist zubereitet. Sie hat die Hälfte des Weges zurückgelegt und einige Früchte gesammelt, als plötzlich auf der Lichtung ein Steppdeckenwolf vor ihr steht. Lilakäppchen erschrickt nicht, hat sie bei einigen Demonstrationen ähnliche Wölfe bemerkt; dieser hat allerdings nicht die obligatorische Kamera dabei.

»Ei, schönes Kind, sag‘ geschwind, wer bist denn du?«, kommt die schleimige Frage aus dem Mund des Steppdeckenwolfs.

»Isch bin dat Lilakäppschen.«

»Was machst du hier in diesem dunklen Wald?«

»Ich pflücke Beeren und will dann meine Grossmutter besuchen, die hinter den Bergen auf einem Bauernhof lebt.«

»Und was trägst du in deinem Korb?«

Mit dem Aufzählen der Überlebensmittel beschäftigt, über die sie zudem noch einige Vorteile herausstreicht, bemerkt Lilakäppchen nicht, wie der Steppdeckenwolf näher kommt und ihr CS ins Gesicht sprüht. Aufgrund der chemischen Verunreinigung der Luft wird sie sofort ohnmächtig. Gierig stürzt sich der Steppdeckenwolf auf sie, und weil sie so schön ist, frisst er sie mit Haut und Haaren. Fast hätte er sich an der Substanz Henna verschluckt, die in diesen Kreisen zum Schönheitsideal beiträgt, aber er wirft sofort ein Hustenbonbon der Sorte ein, die dafür bekannt ist, den Rachen freizuhalten. Dann setzt er das Lilakäppchen auf, zieht die Kleider an und denkt bei sich:

„Die Grossmutter nehme ich als Nachtisch.“

Mit raschen Schritten hat der Steppdeckenwolf den Bauernhof erreicht und setzt den Türknopf in Gang. Mit ersterbender Stimme kommt aus dem Haus die Frage:

»Wer da?«

Ein günstiger Nebeneffekt des Bonbons ist es auch, dass sich die Stimme des Steppdeckenwolfes lieblicher anhört, so dass er fast im Szenenjargon antwortet:

»Isch bin et, Lilakäppschen!«

»Trete ein, mein Kind«, ist die knappe Antwort der Grossmutter, die in einem grossen Himmelbett liegt und den Steppdeckenwolf erstaunt ansieht.

»Oh, Lilakäppchen, du hast dich aber verändert. Sag, warum hast du solch grosse Augen?«, presst sie hervor.

»Damit ich alles sehen kann!«

»Und warum hast du solch grosse Ohren?«

»Damit ich alle belauschen kann!«

»Und warum hast du solch einen grossen Mund?«

»Damit ich alles, was mir in diesem Staat nicht passt, fressen kann!«, mit diesem gehechelten Satz stürzt er sich auf die Grossmutter, zieht ihr die Runzelhaut vom Leib und lässt sich die Innereien zu einem kühlen Chablis auf der Zunge zergehen.

Pausenloses Donnern. Es ist nicht dem Zufall zuzuschreiben, dass der Jäger Carlo Softie in der Nähe weilt und den infernalischen Lärm hört. Zufälle gibt es immer wieder. Er hat die Fähigkeit, darin Wahrnehmungsmuster zu erkennen und Schwerter zu Flurschaden zu verarbeiten. Softie ist ein eigenbrödlerischer Waidmann, denn er erlegt das kranke Wild nur mit Pfeil und Bogen, um die anderen Tiere nicht durch einen Gewehrschuss zu erschrecken. Er hat ein Psychologiestudium abgebrochen, um in der Tiefe des Waldes zu meditieren und zu einem besseren Selbst zu finden. Er trägt einen langen Bart. Haare, die seit Monaten keinen Kamm mehr gespürt haben. Dem Bundeswehrparka als Einheitskleidung für junge Männer zieht er einen weissen Afghanenmantel aus Schaffell vor, der das Fell deutlich an den Rändern sehen lässt. Er versucht sich damit der bürgerlichen Traditionen zu entledigen, um Raum zu schaffen für einen kosmopolitischen Auftritt, der durch eine dunkelblaue Nonkonformistenhose mit Knopfleiste sowie ein T–Shirt, auf dem halbverwaschen der Spruch Nieder mit dem Männlichkeitswahn zu erkennen ist, komplettiert wird.

Schockschwerenot. Als der Jäger in das Bauernhaus eintritt, ist er verwundert. Er fragt sich, ob tote Menschen aussehen wie Steppdeckenwölfe. Auch hat er in der letzten Zeit einige von ihnen beobachtet, halten sie doch in seinem Wald so genannte Übungen ab. Der Steppdeckenwolf hat zur Tarnung unterdessen die Kleider der Grossmutter angelegt. Um seinen Kopf herum summen Fliegen wie Strom. Mit matter Pfote winkt der Wolf.

»Komm näher, mein Söhnchen, und lass‘ dich besehen.«

Carlo Softie spannt seinen Bogen, zugleich setzt der Steppdeckenwolf zum Sprung an. Glas splittert. Der Kronleuchter wird von einem Pfeil getroffen, und mittels der Erdanziehungskraft von 102m/s, fällt selbiger auf den Schädel des Steppdeckenwolfes und spaltet diesen krachend entzwei… Carlo Softie erwacht nach einiger Zeit mit einem enormen Brechreiz. Taumelt zum Kühlschrank. Trinkt etwas Holundersaft. Sieht sich entgeistert das Chaos an. Ihm wird klar, dass er nie an einer Verschwörung teilnehmen würde, an der er nicht selbst beteiligt ist. Sinnvernichtung wird durch Sinnlichkeit betrieben.

Als er die Situation genügend analysiert hat, denkt er an seine Schwester Geislein Softie, die ihrerseits einen gewissen Ruf erworben hat, als sie… Carlo Softie schneidet dem Wolf mühsam mit einer Nagelschere die Bauchdecke auf. Irgendwann im Lauf der Nacht hat er es dann doch geschafft, muss jedoch feststellen, dass die Grossmutter gestorben war, wie es Grossmütter in solchen Geschichten zweckmässigerweise tun.

Aber da ist Lilakäppchen. Sie lebt noch, fast. Softie muss sie beatmen… was sie, als sie zu Bewusstsein kommt, nicht als sexistische Annäherung deutet. Eine kreative Euphorie erfasst das Paar, sie erleben die Welt als wiedergeboren. Auf ihren Gesichtern liegt ein seliger Glanz, der von innen kommt. Sich tragen, ertragen können und ein einträgliches Geschäft betreiben, wird zum Leitmotiv ihres weiteren Lebens.

Lilakäppchen und Carlo Softie erleben eine der tiefgreifendsten sozialen Revolutionen, die es in der Menschheitsgeschichte gegeben hat: die Auflösung der Familie. Sie leben in einer Wohn–Gemeinschaft. Verstehen Ökologie als einen Zuwachs an Lebensqualität. Werden Veganer und sind damit gegen jede Art von Ausbeutung von Tieren. Essen keine Eier, trinken keine Milch und tragen keine Schuhe aus Leder. Die Pflanzen schenken ihnen die Hoffnung auf ausreichende Ernährung, auf saubere Technik und eine verbesserte Gesundheit. Die Generation der Babyboomer ist anders jung als ihre Eltern und Grosseltern, und sie altern anders. Sie bleiben länger jung – ganz egal, ob das an der besseren Ernährung liegt, an Gymnastik, Ayurveda, Mineralwasser, guter Laune und dem Fehlen schmerzhafter Erfahrungen oder ob an mancher Stelle auch der Chirurg nachgeholfen hat: Ihr Recht auf die Vergnügungen und Freuden der Jugend haben sie sich mit dreissig nicht nehmen lassen und mit vierzig auch nicht, und mit fünfzig werden sie noch immer darauf bestehen. Die Zivilisation wird von ihnen neu erfunden. Sie pflegen romantische Rituale der Selbstfindung. Ergehen sich im ruhelosen Versuch, gegen Zeitalter der Weltentfremdung offensiv anzugehen. Versuchen, Ideal und Realität in Übereinstimmung zu bringen. Überzeugungen sollen ihrer Ansicht nach nur an positive Dinge gebunden sein.

Wenn Sie das für Konfektionsware eines scheinaufgeklärten Bewusstseins halten, dann fahren Sie auf einen der Selbstfindungskurse, die das Pärchen für alle, die an den Fantomschmerzen der Selbstfindung leiden, an jedem zweiten Wochenende auf seinem Bauernhof hält. Hier die nächsten Termine:

20.10. Körner, oder wie ernähre ich mich im neuen Bewusstsein des Universums?

03.11. Vergewaltiger – Wölfe im Steppdeckenpelz?

17.11. Revolution ohne Emanzipation ist Konterrevolution?

 

***

Quelle: A. J. Weigoni, Zombies, Erzählungen, Edition Das La­bor, Mülheim an der Ruhr 2010.

Inzwischen wurden die Zombies zum Kultschatz erklärt. Die erste Reaktion auf Cyberspasz konnte man auf kukultura-extra nachlesen, zusätzlich kann man einen ausführlichen Essay als E-Book auf Bookrix herunterladen und ein Hintergrundgespräch auf Lyrikwelt.de lesen. Ein nicht minder lesenswerter Essay findet sich auf fixpoetry. Eine Leseprobe findet sich hier und Probehören kann man eine Rezitation von A.J. Weigoni auf MetaPhon die durch Tom Täger vertont wurde.