janus zwischen den himmeln

der klappentext umreißt den autobiographischen handlungsrahmen von ulrich bergmanns erstem roman nach mehreren erzählbänden:

Der zweite Weltkrieg ist zu Ende.

Janus Rippe wächst bei Usch, seiner Mutter, und den Großeltern in Halle an der Saale auf. Robert, sein Vater, lebt als Kriegsgefangener in sowjetischen Straflagern und wird für tot erklärt. Usch heiratet sieben Jahre später den DDR-Richter Hardy. Kurz darauf kommt Robert aus der Gefangenschaft wieder.“ vater und sohn gelangen wenig später nach bochum und dann nach bonn, während die mutter und die inzwischen geborene schwester in halle bleiben. ulrich bergmann erzählt die geschichte aus der subjektiven perspektive der figuren, überwiegend aber aus jener des sohnes.

der vorspruch, oder vorvers, zum buch, „Vaterland ist abgebrannt / und Mutterland ach so allein. / Mitten im Herzen steht die Wand / zwischen Saale und Rhein.“, erinnert an das lied „Maikäfer flieg! Der Vater ist im Krieg. / Mutter ist in Pommerland, / Pommerland ist abgebrannt. / Maikäfer flieg!“ vater und mutter waren hier möglicherweise ursprünglich göttliche figuren. in andern varianten steht statt pommerland engelland, das land der engel, das wohl ein jenseitsreich war. in achim von arnims und clemens brentanos liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ findet sich der text: „Maikäferchen, Maikäferchen, fliege weg! / Dein Häuschen brennt, / Dein Mütterchen flennt, / Dein Vater sitzt auf der Schwelle, / Flieg in Himmel aus der Hölle.“ auch das assoziieret kriegserfahrungen. die schwelle könnte jene zwischen leben und tod sein. in der „Maikäferkomödie“ des österreichischen schriftstellers joseph viktor wiedmann (1842 bis 1911) heißt es:

Maikäfer flieg! Allvater ist im Krieg. / Wo ist das schöne Himmelland? Himmelland ist abgebrannt. / Maikäfer flieg!

allvater läßt an odin denken, der, vater der götter, zugleich kriegsgott und vater der toten war. vielleicht wurde der maikäfer einst, ähnlich wie der marienkäfer, als himmelsbote zu den göttern geschickt.

im titel „Doppelhimmel“ klingt christa wolfs roman „Der geteilte Himmel“ an. der name janus verweist zunächst auf die teilung des jungen und der familie infolge der objektiven historischen umstände. man hätte das buch auch „Die geteilte Seele“ nennen können. aber so geteilt sind die seelen von autor und figur gar nicht. ulrich bergmann will vielmehr versöhnen und vermitteln. und dies scheint auch bereits im charakter des kindes janus angelegt. schließlich war janus ein gott der anfänge, türen, tore und durchgänge.

ebenso wären „Narziß und Janus“ oder „Der geteilte Narziß“ mögliche titel gewesen. denn janus ist überdurchschnittlich träumerisch veranlagt sowie ichundphantasiegelenkt, was mitunter auch ironisiert wird. das buch enthält mehrere ausgesprochen narzißtische szenen. das kapitel „Das Bronzepferd“ beginnt mit: „Im siebten Jahr verliebte sich Janus.“ das klingt wie „Im siebten Jahr der Welt verliebte sich Janus.“ und scheint schöpfungsmythen aufzurufen. ebenso läßt der name janus rippe adams rippe assoziieren. am dichtesten und innigsten finde ich die aus kindlicher perspektive beschriebenen märchenhaften, unbeschwerten, wilden und heiteren erlebnisse der kindheit, etwa in den kapiteln „Das Bronzepferd“, „An der Angel“ oder „Wasserspiele“, die, neben kindlichen größenphantasien, oder sogar damit verbunden, viel lebensweisheit enthalten. „Wasserspiele“ endet mit einem lebensphilosophischen dialog zwischen großvater und enkel. in solchen abschnitten bilden kindliches erleben und autorenerfahrung eine einheit und balance nach beiden seiten hin. ein wenig nostalgisch überhaucht mutet diec kindheit freilich schon an. zugleich wirkt sie sehr autonom, ja bisweilen fast raumschiffartig, was ihr die dimension eines refugiums sowie von zeitlosigkeit oder einer zeit au-ßerhalb der zeit gibt. die beschreibungen der elterlichen und großelterlichen wohnungen lassen ans bürgertum des ausgehenden 19. jahrhunderts denken, wie es etwa theodor fontane beschrieben hat. in den kulturbürgerlichen musischen und literarischen interessen und prägungen der erwachsenen und besonders des kindes schwelgt ulrich bergmann durchaus auch mal.

janus wird am ende des zweiten weltkriegs während eines luftalarms geboren. „geborenwerden ist wie luftalarm“, notierte ich einmal. vielleicht kompensiert seine liebe zur musik die erfahrung der geburt in einer bombennacht. die kindheitsepisoden beschreiben familiäre normalität, manche jedoch auch, wie sehr kinder, und erwachsene kaum weniger, kräften folgen, die sie selber nicht erkennen und kontrollieren können. die übergänge zwischen kindlichem abenteuer und krieg der erwachsenen bleiben fließend. gegenüber den beschreibungen der kindheitswelt wirken die tagebuchartigen und dokumentarischen berichte, etwa der traumatischen kriegsteilnahme und kriegsgefangenschaft des vaters, teils wie fremdkörper. und sie dringen ja auch als solche ins leben des kindes ein. der autor arbeitet in diesen passagen bewußt mit minimalistischen sprachlichen mitteln, die zeigen, wie der krieg die menschen überfordert. die sprache entspricht so dem reduzierten leben oder wahrnehmungsfeld oder bewußtsein der figuren. die blindheit der erfahrung sei der ausweis ihrer authentizität, zitierte heiner müller ernst jünger. ein zentraler satz in „Doppelhimmel“ ist für mich der des vaters robert:

„Ich bin dem, was ich erfahren und erlitten habe, nicht gewachsen.“

kriegsgefangene waren als sündenböcke racheobjekte und projektionsflächen. feinde werden unter menschen produziert, wenn man sie braucht. das kind janus will die erfahrungen des vaters verstehen, die jedoch objektiv, da es sie nicht gemacht hat, zumindest teilweise, weil fremd und fern, unverständlich erscheinen müssen. mitunter hat man das gefühl, daß der verlust des vaters während der ersten sieben lebensjahre für janus vor allem eine narzißtische kränkung war. der vater selbst stellt nach seiner rückkehr radikalere fragen, weil er extremeres durchlitten hat. „Man muss nur tief genug unten sein, dann ist der Himmel nah.“, sagt er an einer stelle.

Sobald einer ein Gebrechen hat, hat er eine eigene Meinung.“, schrieb lichtenberg.

neben der beschreibung kindlicher paradiese ist der tod, und damit diebedrohung, ein untergründiges motiv des romans. am ende aber siegen, und das hat etwas märchenhaftes, die paradiese. in einem brief schrieb ulrich bergmann: „Aus dem Paradies muss ich auch täglich fliehen, schon deswegen, weil ich es morgen wieder besuchen will, und zwar das Paradies, das ich mir baue.“ und „Oft wenn ich das Paradies verlasse, gehe ich in ein neues, oder ich merke, daß der Ort, den ich verließ, um ins Paradies zu gelangen, schon das Paradies war. Dann habe ich das Paradies gar nicht verlassen? Ich glaube, nur wenn wir unsere Paradiese verlassen, waren es Paradiese. Nur wenn wir unsere Paradiese fliehen, gewinnen wir sie.“ glücklich, wer so denken und leben kann.

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Heute stellt Ulrich Bergmann – zusammen mit dem Bonner Schriftsteller Rainer Maria Gassen – seinen Roman Doppelhimmel vor. Die Veranstaltung findet um 11:30 Uhr – im MIGRApolis-Haus, Brüdergasse 16-18  statt.