Pulsationsstil

Jo Winkler ist Werbetexter und kein sehr netter Mensch. Er ist zynisch, frauenverachtend und überheblich. Dabei ignoriert er seine körperliche und moralische Verfassung, denn sie passt so gar nicht in das Selbstbild des Senior Texters der Kölner Werbeagentur Goldreklamen. Das gelingt ihm bis zum diesjährigen, mehrtägigen Betriebsausflug auch ganz gut, bei dem sein Chef alles auffahren lässt, was seiner Meinung nach am Rhein dazugehört: Dampferfahrt, Kegeln in Bad Neuenahr und ein abschließender Kasinobesuch. Doch nicht nur Winkler muss sich hier der Wahrheit stellen.

Winkler, Werber zeichnet die innerliche Verfassung derer nach, die für die ökonomische Katastrophe verantwortlich sind und nun selbst von ihr verschlungen werden. In den inneren Monologen Winklers geht Enno Stahl auf die Suche nach den seelischen Abgründen ihrer Verursacher und zeichnet so ein Psychogramm der Krise. Das Tempo des Romans passt sich dabei stets dem Erregungsgrad Winklers an. Enno Stahl bedient sich eines ›Pulsationsstils‹, der den Monolog Winklers beschleunigt und verlangsamt, so lange, bis sich das Verdrängte nicht mehr leugnen lässt.

Bei aller Dramatik ist der Roman von einem gnomischen Witz geprägt. Spannung und satirische Zuspitzung machen das Buch zu einem beständigen Lesevergnügen. Bei seinen Lesungen gelingt es Enno Stahl mit seiner Lesekunst, dem Text zusätzlich Leben einzuhauchen.

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Heute ab 20.30 h im Salon des Amateurs: Enno Stahl, Winkler, Werber
Grabbeplatz 4, 40213 Düsseldorf, Eintritt: 5 EUR, ermäßigt 3 EUR.