Wie fühlt man sich so als Lehrerin?

Zum ersten Mal steht sie da vorne – vor der Tafel – eine ganze Schulstunde lang. Sie hat sich vorbereitet, hat ihre Unterrichtsstunde mit anderen Schülerinnen gemeinsam entwickelt. Sie weiß um die Funktion der verschiedenen Teile und wird auf die einzuhaltenden Zeiten achten. Sie ringt mit den Händen, während die Mitschüler ihre Aufgaben erledigen, während der Fachlehrer sie aufmerksam beobachtet. Die erteilten Anweisungen sind knapp und verständlich. Auch der Schüler, welcher etwas später kommt – er hatte eine Klausur schreiben müssen – wird eingewiesen. Der nächste grüßt höflich – fast schon mit offen zur Schau gestelltem Sarkasmus im Unterton und öffnet das Fenster im Vorbeigehen – rollende Augen der anderen, keiner aber wird etwas sagen, nicht dazu. Man weiß um die ätzenden Rückkommentare, darum, dass man rhetorisch unterlegen sein wird, muss. Nur ein ähnlich gebildeter angehender Philosoph könnte diese entsprechende Sprache entwickeln. Die Arbeitszeit ist vorbei – vorbei gestrichen an einigen. Verstehenslos – mit unverständigen Blicken in einem verschlüsselten Text. Draußen steigt der Nebel langsam aus dem Flusstal empor und schafft verschleiertes Idyll. Selbst der vorbeiziehende automobile Verkehr bekommt plötzlich einen verklärten Hauch von Romantik. Die Zeit ist abgelaufen, ja, aber nichts passiert. Nichts tut sich, das ist das Grässlichste, was einem Lehrkörper passieren kann – Opposition durch Faulheit. Keine Meldung, nur die Gespräche, nicht themenbezogen, werden lauter, zusehends, über jegliche Stillarbeit hinweg. Sie verwendet typische Lehrerfloskeln, um zu beginnen: „So, hört sich so an, als wäret ihr fertig.“ Die anderen müssen wohl oder übel vortragen – Texte – „Sophia!“ – hören denn die anderen zu? Phil träumt, ist noch in seiner Klausur, fragt sich wahrscheinlich, was er wohl falsch gemacht hat, was vergessen, was fehlt. Während die eine endlich beginnt, fällt der nächsten ein Stift zu Boden. Wie fühlt man sich als Lehrerin?

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 – 2019

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Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Und außerdem präsentiert Haimo Hieronymus ab 2017 Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.