to be continued

Intellektuelle bekennen sich seit einiger Zeit zum TV. Als Lieblingsfernsehserie werden wahlweise „The Sopranos“, „Mad Men“ oder „The Wire“ angegeben. Was bei den vorgenannten Serien auffällt, ist unterschwellig auch eine neue Definition von Gegenwartsliteratur. Das Medium DVD gestattet es sich Fernsehserien anzusehen, so, als würde man einen Bildungsroman lesen.

Cover-Motiv Six Feet Under

Meine Leidenschaft für dieses Medium begann mit der Serie „Six Feet Under“, eine Serie die man durchaus als zeitgemäßen Entwicklungsroman bezeichnen kann. Der Erfolg dieser Serie bedient nur ein neues Bedürfnis nach diesem Erzählen. Im Gegensatz zum Drama, das immer tödlich endet, handelt es vom Weiterleben. Das hat etwas sehr Tröstliches. Das Epos ist die Zukunft. Diese ‚Telenovellas‘ drängen von sich aus zur langen Strecke. Große Bögen, allmähliche Entwicklungen müssen dargestellt werden. Diese Erzählweise erinnert nocht zufällig an die  Ilias, eines der ältesten schriftlich fixierten Werke Europas, welche  einen Abschnitt des trojanischen Krieges schildert. Im Zeitalter der Kurzinformationsdienste ein bemerkenswertenr Kontrapunkt.

„Ich wollte das Drama und die Schönheit der Tatsache erforschen, dass wir alle sterblich sind“, so beschreibt Alan Ball, der Erfinder der Serie „Six Feet Under“, im Bonusmaterial zur DVD-Box der fünften Staffel seine Grundidee, die am Ende der siebten Staffel konsequent ausgeführt wird.

Die DVD ändert Sehgewohnheiten

Seit einiger Zeit bringt der Filmkritiker Enno Patalas wissenschaftliche DVD–Editionen von Klassikern wie „Metropolis“ oder „Panzerkreuzer Potemkin“ heraus. Man kann, während man den Film schaut, zugreifen auf Fußnoten, sehen und hören, was Filmmusikkomponisten oder Production–Designer sich bei ihrer Arbeit dachten. Patalas betont, keinerlei Probleme mit dieser Art des den Filmfluß brechenden Zugriffs zu haben, weil sowieso jeder einen eigenen Film sähe und von Filmen viele Versionen existierten, nicht die eine gültige.

Mit Sicherheit kann die DVD dazu beitragen, alten, unzugänglichen Filmen neue Sichtbarkeit zu verleihen. Beschädigt wird aber die Rezeption des Films. Jean Louis Schefer sagt, ein Film sei „nicht Gegenstand von Denken, sondern selber ein Denken“. Das Originäre am Kino ist, daß dieses andere Denken sich an ein Kollektiv richtet, das zur Betrachtung gezwungen ist. Dieses andere, alternative Leben, das ihm der Film zu bieten hatte, das erschloß sich ihm allein durch das Kino, daß ihm keine Wahl ließ. Dadurch, daß ich den Film in ein manipulierbares Derivat, eine DVD oder ähnliches, übersetze, wird die Kollektivrezeption mit weit reichenden Folgen zum Verschwinden gebracht. Selbst wenn man Walter Benjamins Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ heute mit kritischem Abstand betrachtet, so muß man doch feststellen, daß er Kino nicht lediglich als ästhetisches, sondern als gesellschaftliches und politisches Phänomen versteht. Das neue Medium ermöglicht neue Wahrnehmungsformen und ist daher „fortschrittlich“.

Fortsetzung folgt

Als Dank für das Korrekturlesen seiner Novellen »Cyberspasz, a real virtuality« schenkte mir A.J. Weigoni die erste Staffel der amerikanischen Serie „Boardwalk Empire“, ein Ausstattungs-Epos ersten Ranges. Kein geringerer als Martin Scorsese führt Regie in diesem Epos der Prohibition, das in den 1920er Jahren die Geburtsstunde der organisierten Kriminalität einläutete. Der Altmeister beleuchtet darin die dunkle Seite des amerikanischen Traums. In der Hauptrolle brilliert Steve Buscemi als Enoch „Nucky“ Thompson. Er stellt den Kämmerer von Atlantic City dar, gleichzeitig ist er auch der oberste Gangsterboss und der große Strippenzieher der Republikaner. Zwischen einem hervorragenden Ensemble zerreiben sich die Antriebskräfte der amerikanischen Gesellschaft, der unbedingte Wille zur Selbst- und Weltverbesserung und das Profitprinzip, das daraus enormes Kapital zu schlagen weiß. Die erste Staffel umfasst nicht weniger als zehn Stunden,  die erzählerische Einheit spannt sich über die gesamte Staffel und nimmt, wie es bisher nur Romanciers konnten, die Welt in ihrer beängstigenden Komplexität ernst.

Und wie meist, wenn ein Film die Sucht thematisiert, ich sehne die zweite Staffel auf DVD herbei.

 

 

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Im multimedialen Bienenstock lanciert die Edition Das Labor auf der Plattform vordenker.de mit MetaPhon eine Reihe, in der vielfältige Facetten der multimedialen Kunst und des Hörbuchs zugänglich gemacht werden, die nach den herkömmlichen Marktgesetzen unerschlossen bleiben. Der Markt wird entmystifiziert. Das aufgeklärte Publikum erwartet Künstler, Wissenschaftler, Akteure, die den Vorhang aufreißen, um in einer anderen Form zu erzählen.