Das Hungertuch für Katja Butt

Katja Butt aus Köln erhält in Anerkennung ihres künstlerischen Werks das Hungertuch für Bildende Kunst 2007

„Die Farben im Gemälde sind eine Falle, um das Auge zu überzeugen, wie der Charme der Verse in der Poesie“, schrieb Poussin, poetisch ist das Wort, das Katja Butts Werk am besten beschreibt.

Die Videokünstlerin, Zeichnerin und Photographin Katja Butt befragt die umbaute Bewegung in einem Akt der Dissidenz und bringt damit Bewegung in die starre Architektur. Transformation, lautet das Stichwort. Diese Artistin macht Kunst lebendig, auch wenn ihre Perspektive klassisch ist. Mit dem Ansatz einer Skulpturistin untersucht sie räumliche und architektonische Prinzipien und damit verbunden auch gesellschaftliche Zusammenhänge: Raum– und Körpertheorie, Gedankenmodell, oder künstlerischer Reflex. Ihre Kunst bricht mit Wahrnehmungsmustern, sie sucht nach neuen Antworten auf die Frage: Wie entscheiden wir was real ist? – und führt uns so Aussichten auf eine andere, attraktivere, kaleidoskopische Wirklichkeit vor. Diese Arbeiten verbinden radikale Analyse und radikale Reduktion. Klicken, Licht, Nahaufnahme, alles wird einzeln erzeugt. Die Elemente tropfen gleichsam getrennt auf den Bildträger, während man in der Ausstellung die ganze Geschichte sieht. Sie inszeniert Kunst, die locker zwischen Schauplätzen springt und der bedeutungsschweren Sinnfreiheit der REM–Phase folgt. Butt hat eine fiebrige Aura, eine Mischung aus nervös, sensitiv und intelligent, die es gerade unter Künstlerinnen selten gibt. Ihre eigenwillige Sicht durch die Kamera und die besondere Perspektive zum Gegenstand prägen die Videoobjekte wie die raumgreifenden Installationen. Die Videokunst droht mehr und mehr verloren zu gehen – weil die Datenträger enorm instabil sind, weil die Abspielgeräte für gewisse Formate seltener werden.

Auch der wachsende Energiehunger unserer Speichersysteme gibt Anlass zur Sorge. Information bereichert nur, wenn die Menschen sie zu Wissen veredeln und dieses an kommende Generationen weitergeben. Um die Zukunft der Kultur zu sichern, genügt es also nicht, zukunftssichere Speicher zu entwickeln. Es gilt vor allem, immer wieder schöpferische Menschen wie Butt zu suchen und zu fördern, die das Gemeinsame scheinbar zusammenhangloser Informationen intuitiv erkennen und so neues Wissen schaffen oder überliefertes Wissen als falsch erkennen. Was der Existenzialist Jean–Paul Sartre über den Krieg sagte, gilt auch für Wissen:

Nicht wir erschaffen Wissen – Wissen erschafft uns.

Die raumbezogenen Videoinstallationen von Butt verwandeln die statische Architektur des Ausstellungsortes in ein dynamisches mediales Gefüge, in dem Außen und Innen, Oben und Unten, Gestern und Heute zu einer Einheit werden. Eindringlich minimalistische Videobilder werden zu rhythmisch strukturierten Sequenzen komponiert, die sich über mehrere Monitore hinweg zu einem geschlossenen Ablauf verbinden. Der einzelne Monitor funktioniert als gestalterisches Element und jenseits einer untergeordneten Funktion als neutraler Rahmen der Begrenzung eines Bildfeldes. In der Präsentation verschmelzen Raum, Bild und pointiert gesetzte Akustik zu einer neuen Dimension, zu einem eigenständigen Körper, dessen einzelne Bestandteile voneinander abhängig sind und sich gegenseitig beeinflussen.

Am Ende bleibt die Kamera im wahrsten Sinne des Wortes ein Werkzeug, ein Instrument, das man beherrschen muss, um mit ihm Sinnlichkeit darzustellen. Der Eros der Kunst von Katja Butt liegt in der Biologie der Existenz: der puren Freude und der Lust an Fleisch und Geist! Es verbleiben Pfeile mit Widerhaken, die lange im Gedächtnis des Betrachters verankert bleiben.