Frage und Antwort

 

Kautsky, dem die geschürzten Lippen der schönen Frau auf der anderen Seite des Ganges den Kopf verdrehten, hatte keine Augen für den Schrecken des kühlen Gestirns, obwohl der schwarze Himmel sein Licht durch das Fenster, an dem er saß, auf seinen Nacken strahlte. Die Augen suchten die Antwort der Frau, die sie verweigerte, sie erwartete ihn, sie hatte ihn längst gesehen, als er den Koffer nach oben wuchtete, sie spiegelte sich im Selbstgespräch seines Körpers, nun wartete sie auf eine neue Strategie, einen Schritt, auf den sie frei reagieren konnte. Die stechenden Augen fesselten sie, aber sie genoss die Hitze des Blicks. Kautsky beugte sich langsam zu ihr, mit dem linken Arm stützte er sich auf der Lehne ab, langsam dehnte sich sein ganzer Leib, den er unter der dünnen Fensterleiste mit den Füßen verankerte – es war, wie sich bald zeigte, geradezu lebensgefährlich! – sein Kopf streckte sich nämlich zur Mitte des Gangs und bedrohte von nun an die Lufthoheit der Schönen, die sich mit der bloßen Vorstellung dieser außergewöhnlichen Verrenkung, die ihr galt, begnügte. Ein Sportler, dachte sie, so bewegen sich nur Bodenturner, vielleicht auch Stabhochspringer. Sie löste die Haltung ihrer Beine und schlug nun das dem Strategen zugewandte Bein so über das andere, dass sein Kopf, der es nun noch schwerer hatte den Blick zu halten, sich plötzlich in einer helleren Umgebung befand. Er darf jetzt nicht den Halt verlieren, in Anbetracht der Zukunft, aber sie denkt, wenn er fällt, hat er mit seiner Strategie erreicht, was er wollte, die kleinste Erschütterung, und der junge Mann fällt mir vor die Füße, erst dann kann ich ihm antworten. Das denkt er auch gerade, aber er will nicht fallen, er will sie im Moment seiner größten Ausdehnung ansprechen, ihren Blick auf sich lenken, ihren Kopf für sich gewinnen. Was soll er sagen, fragt sie sich, und er – denkt mein Körper die Frage?, was soll ich sagen – ich will Sie heiraten.

Er öffnet den Mund, ein waagrecht im Raum liegender Engel, er will gerade das erste Wort sagen, da stürzt er ab. Kautsky, dem das Wort im Munde stecken geblieben war, war noch einmal mit dem Leben davongekommen. Er war vornüber auf den Boden des Mittelgangs gestürzt, der Kopf war ins Schwarze vorgestoßen, fast schon bei der schönen Frau, die auf seine halbe Frage keine Antwort gab. Ihm verging Hören und Sehen, sein Kopf spürte nur kurz den Tunnelsturm, bis ihm das Bewusstsein schwand.

Er lag vor den Füßen der Frau, die er unter Lebensgefahr begehrte. Er war immer noch bewusstlos. Sie stand auf und indem sie sich zu ihm niederbeugte, wusste sie, dass sie ihm die ganze Antwort geben wird, die sie dem taub vor ihr Liegenden unerhört zurief: Ja!

 

 

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Kritische Körper von Ulrich Bergmann, Pop Verlag Ludwigsburg, 2006

Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus Kritische Körper als ‚Criminal Phantasy’. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine für diesen Autor typische Montagetechnik, unterstützt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den drögen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einfließen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Außen seiner Figuren auch ins Fantastische verlängern. Er erklärt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfläche erschließt. Der Leser muss sich selber von der Abgründigkeit überzeugen.

Weiterführend → Lesenswert zum Zyklus Kritische Körper der Essay von Holger Benkel. Es ist eine bildungsbürgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus Kritische Körper, und auch aus der losen Reihe mit dem Titel Splitter, nicht einmal Fragmente aufploppen. – Eine Einführung in Schlangegeschichten von Ulrich Bergmann finden Sie hier. Lesen Sie auf KUNO auch zu den Arthurgeschichten den Essay von Holger Benkel.