Horchposten

Das Ohr ist ein Organ der Angst, hätte der Mensch nur Augen, Hände, Geschmacks– und Geruchssinn, dann hätte er keine Religion, denn jene Sinnesorgane sind Organe der Kritik und des Skeptizismus.

Ludwig Feuerbach

Mit literaturpädagogischen Kursen versucht A.J. Weigoni die fluide Intelligenz abseits von Routinen zu schulen. Es geht ihm in erster Linie um eine Schärfung der Aufmerksamkeit und der Sinne – um eine Anstiftung zur Genauigkeit. Die Umgestaltung der Welt durch Literatur – an dieser revolutionären Lehre  hat Weigoni festgehalten. Sie kann nur gelingen, wenn sich alle künstlerischen Sparten in formaler wie inhaltlicher Hinsicht gegenseitig inspirieren und bereichern. Deshalb spricht aus allen Arbeiten Weigonis der Wille zur Einheit einer Kreativität, die alle Bereiche des Lebens ergreift und mit akustischen Mitteln auf die veränderten Konditionen einer industriellen Produktionsweise antwortet.  Aus dem suchenden Gedankenspiel eines Navigierens in einem Raum der Möglichkeiten speist sich ein Lernen, das andauernd den Entwurf mit der Reflexion konfrontiert und das zwischen Nachdenklichkeit und Idee agiert. Kopf und Hand gehen eine Vermählung ein, wie es das Lernen nur selten zulässt, weil bekanntermaßen das träge Wissen aus den Büchern meist nicht die nächste Lernkontrolle überdauert.

Hören ist eine Tätigkeit auf Ohrenhöhe, demokratisch, offen, optional.

In den letzten Jahren hat sich eine Hörbuch-Szene etabliert, die mit dem schauspielerischen Potential der Sprecher ebenso zu experimentieren versteht, wie sie auf das Hörspiel alten Schlags innovativ zurückgreift. Gerade diese Liebhaberproduktionen sind es, die Aufmerksamkeit verdienen. Bei der Produktion Ohryeure handelt es sich um Hörspiele, die nicht von cleveren Marketingexperten für eine Zielgruppe zurechtgestutzt, sondern mit den Jugendlichen und JungautorInnen gemeinsam erarbeitet und umgesetzt wurden. Diese Arbeiten beinhalten Kriterien, die bisher kaum bei einer Beurteilung miteinbezogen wurden:

Was ist der Sound der Zeit?

Ist es bereits absehbar, daß Pop zum bestimmenden Faktor der Cyberkultur wird, die schon dabei ist den bürgerlichen Kulturbegriff abzulösen?

Wie funktionieren Trivialmythen?

Als ein Kunstwerk eigenen Ranges verstärkt das Hörbuch die Reize des Auditiven und Oralen, mit diesem Medium kehrt die Literatur zu ihrem Ursprung zurück. Dies ist eine Gegenbewegung zu einer mit Bildern überreich gesättigten Kultur. Die Mündlichkeit des Erzählens knüpfen an Zeiten an, als dichterische Vorträge noch «mit einer Aufführungspraxis verknüpft waren, die Barden haben ein sediertes Comeback. Der Sound einer Stimmen erzeugt eine Stimmung. Der mündliche Vortrag schafft mit der spezifischen Atmosphäre auch eine Auslegung des Gesagten, eine Interpretationshilfe. Die Stimme ist authentischer als die Schrift und das Hören ursprünglicher als das Lesen. Hörbücher fordern Zu-Hörer im emphatischen Sinn des Wortes: sensibel für stimmliche Nuancen, für Tonfall, Rhythmus, Modulation und Sprache. Ernst und Ironie verbindet sich auf der CD Ohryeure hintergründig spielerisch. Wir, die Spätalphabeten, stehen insgesamt vor der Frage, ob Literatur, dieses Medium der Vorzeit, an der Alphabetisierung der Medienkultur, die nur wirklich beeinflussen kann, wer ihr voraus ist, mitwirken oder sich von letzterer abgrenzen kann.

Welche Einflußsphären bleiben der Literatur gegenüber einer Kommunikationslandschaft, die vielfach entweder zum Selbstzweck gerät oder unausgesprochenen Interessen dient?

Wissen ist immer vorläufig, denn die Tradierung jeder Offenbarung ist – empirisch überprüfbar – voller Irrtum und Gewalt. Die Pluralisierung der modernen Lebenswelt stellt traditionsgesicherte Stabilität in Frage, was Angst und in deren Gefolge Gewalt erzeugt. Angst als Folge der Machtlosigkeit, Schwäche, Ungewissheit, Deprivation muß überwunden werden, so daß Menschen wieder zu Subjekten ihrer Identitätsbestimmung und Geschichte werden können. Der nicht kritikfähige Konsument muß um so mehr vom wirklichen Leben wissen, je weniger er sich darüber medial berichten lässt. Wir müssen uns fragen, ob die Kinder in Zukunft noch gern miteinander sprechen, so richtig von Angesicht zu Angesicht. Oder ob sie nur noch per e–Mail miteinander klarkommen. Es ist kein Zufall, daß der Urheber des Blutbads am Erfurter Gutenberg–Gymnasium seine Freizeit im World Wide Web verbracht hat.

Dummheit ist nicht nur ein intellektueller Mangel, sondern auch eine bornierte Beschränktheit des Besserwissens, ein Mangel an Kreativität und das Fehlen von Neugierde gegenüber dem noch nicht Dagewesenen. Sie ist die Unfähigkeit, offen dafür zu sein und womöglich zu akzeptieren, daß die Argumente und Entscheidungen des Anderen, ja sein gesamter Lebensentwurf auch richtig sein können. Egozentrizität ist das – meist angstgesteuerte – Haften am eigenen Ich, das sich abgrenzt, um bestehen zu können.

Natürlich ist Ich–Abgrenzung ein wesentlicher Aspekt der psychischen Entwicklung jedes einzelnen Menschen; doch dabei stehenzubleiben, bedeutet geistige und soziale Erstarrung. Wir haften in diesem Sinne am Ich, weil wir die Dummheit nicht überwinden. Trägheit ist das Festhalten am Gewohnten, die Starrheit dessen, der so denkt, fühlt und handelt, weil er oder weil man immer so gedacht, gefühlt und gehandelt hat. Dummheit, Egozentrizität und Trägheit sind ein Mangel an Weisheit. Literaturpädagogik strebt danach, diesen Mangel zu überwinden. Wo wir einander ernst nehmen, schulden wir einander auch Wahrhaftigkeit. Das Leben ist komplex, Einsichten sind es auch.

Ohne Kultivierung einer solchen Geisteshaltung wird keine Verständigung erreicht werden können. Wir brauchen zum Dialog eine Geisteshaltung, die das Vorläufige aller menschlichen Erkenntnis ertragen und mit Gelassenheit Fragen stellen und zuhören kann.

Der Ohrenzeuge ist durch niemanden zu bestechen. Wenn es um die Nützlichkeit geht, die er allein hat, nähme er keine Rücksicht auf Frau, Kind oder Bruder. Was er gehört hat, das hat er gehört, daran könnte kein Herrgott rütteln.

Elias Canetti

Die künftige Pädagogik, will sie den Erkenntnissen und der gewachsenen Bedeutung des Wissens Rechnung tragen, muß die Sprachumwelt, also die Kommunikationsbedingungen, gestalten, um Inhalte zu vermitteln. Dabei muß die Dominanz der Textvermittlung gebrochen werden, um kreative Verbindungen mit der Grundstruktur menschlicher Wissensbedürfnisse einzugehen. Dazu zählen Emotionen und Erinnerungen ebenso wie Bilder, Poesie ebenso wie sprunghafte Assoziation. Auf die Anforderungen der modernen Medien reagiert A.J. Weigoni als experimentierender Analytiker und analytischer Experimentierer. Ihm scheint, daß sich diese Form von literaturpädagogischer Arbeit nicht nur mit Erscheinungsformen und Problemen der Arbeitswelt befasst, sondern sich zukünftigen Arbeitsfeldern spielerisch annähert. Hörspiel als Spiel, nach seiner Erfahrung ist das Spielen der Königsweg zum Verständnis der neuen Medien. Computer, Tonstudios und Software sind keine Werk–, sondern Spielzeuge, wobei die traditionellen Medien als Navigationshilfen dienen.

Literaturpädagogik ist demnach ein Synonym für das Probieren, das Erforschen, das Improvisieren und das Erfinden, sie schließt die Jugendlichen mit dem künstlerischen Erfahrungspotenzial zusammen. Zugleich bindet sie die resultierenden Hörstücke aus dem suchenden Spiel an die Symbolwelten der Jugendlichen zurück und macht Jugendkulturen damit verständigungsfähig. Darüber lässt sich ein konstruktiver Streit führen, bei der man es nicht als Blamage ansieht, wenn man unterschiedlicher Meinung ist.

Wichtig ist, daß man beim Lernen die Frustschwelle nach oben treibt. Medienkompetenz umfasst aus Weigonis Sicht vier Punkte: Medienkunde, Medienkritik, Mediennutzung und Mediengestaltung. Diesen Weg zeichnet er mit seinem essayhaften Text Produktorientiertes medienpädagogisches Arbeiten mit Jugendlichen nach.

 

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Cover: Almuth Hickl

Restexemplare der CD “Ohryeure” sind erhältlich über: info@tonstudio-an-der-ruhr.de

Daher stehen einige Produktionen auf MetaPhon als download im Netz.

Weiterführend  Lesen Sie auch KUNOs Hommage an die Gattung des Essays.