Donnerwetter

 

Diese Nächte, in denen die Blitze zucken und alle paar Sekunden die Atmosphäre von dunklen Donnern bebt, hatte Herr Nipp schon immer geliebt, hatte dann das Gefühl zu leben, der Natur aus- gesetzt zu sein, auch wenn er sich unter scheinbar sicherem Dach aufhielt und durch die halb geöffnete Luke blickte. Generationen und Menschengeschlechter hatten diese Naturphänomene als Götter oder böse Vorboten angesehen, vielleicht sogar angebetet. Künstler hatten sie als Inspirationsquellen genutzt und Autofahrer darüber geschmunzelt – im Wissen darüber, dass sie in Farradayischen Käfigen saßen und damit unantastbar waren. Eine Freundin hatte es einfach ausgedrückt:

„Ich liebe das, da passiert wenigstens mal was.“

Herr Nipp wurde dann immer an seine Kindheit zurückerinnert, als er noch glaubte, irgendwann würde man die Einschläge für die Stromversorgung zu nutzen wissen, Energie für die ganze Welt, geballt und auch noch umsonst. Er fragte sich dann, woran der Haken lag, wollte überhaupt irgendjemand dieses Potential nutzen oder war es wirklich nicht möglich, wie damals sein schnauz- bärtiger Physiklehrer behauptet hatte. Der hatte ihn immer an das damalige Maskottchen des NDR erinnert. Solange es die fossilen Brennstoffe gab, war das Interesse wohl nur mäßig groß, dabei hatte er gehört, dass ein Forscher namens Tessla sich damit ernsthaft auseinander gesetzt hatte. Einer, der sogar meinte, man könne Energie ohne Kabel übertragen, der Erfinder des Wechselstroms.

An diesem Abend aber zückte Herr Nipp einfach nur seine Kamera und drückte ab, aus der Hand, leicht verwackelt wegen der dreißig Sekunden Belichtungszeit, mehrmals, er musste erkennen, dass die Blitze einfach zu verzweigt, zu unregelmäßig, zu unkontrollierbar waren.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Die unerhörten Geschichten von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl überraschendes und unerwartetes, potentiell ungewöhnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens möglichen) Ursprung des Erzählten.

Weiterführend → 

Zum Thema Künstlerbucher lesen finden Sie hier einen Essay sowie ein Artikel von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus über Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.

Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erhältlich über die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421