Die Elektrifizierung der Straße

Der bürgerliche Salon besaß Polster, um den Sturz der Geschichte abzufedern. Das Album „Kick Out the Jams“ räumt diese Kulissen mit einem einzigen Akkord ab. Es ist eine Ästhetik des Trümmerfelds.

Die Revolution wird nicht länger in geheimen Zirkeln vorbereitet; sie kündigt sich im Geräusch detonierender Verstärker an. Wenn MC5 im Grande Ballroom die Instrumente einstöpselt, ist das keine Darbietung, sondern eine Mobilmachung. Der Treibstoff des neuen Proletariats ist nicht mehr nur das Rohöl der Detroiter Autofabriken, sondern die komprimierte Elektrizität, die sich in den Vorstädten staut. Der Blues, einst Klagegesang der Scholle, wird hier zur mechanischen Waffe geschmiedet. Es ist die radikale Absage an die Kontemplation: Wer diese Musik hört, kann nicht mehr kontemplieren; er muss handeln oder untergehen.

Die Bandmitglieder von MC5 agieren als Lumpensammler der Moderne: Sie klauben die Reste des Rock ’n’ Roll auf, jagen sie durch gigantische Marshall-Wände und verwandeln das Erbe in eine permanente Detonation.

An den Mauern der Industriestadt blättert die bürgerliche Kultur ab. Wo eben noch für Waschmittel geworben wurde, prangt nun das Symbol einer unbändigen Negation. MC5 begreift die Gitarre als verlängerten Arm der Straßenschlacht. Ihre Musik verhält sich zur herkömmlichen Popmusik wie das Dynamit zum Hammer. Sie fordern alles, und zwar sofort. In diesem Umschlagen von Kunst in nackte Agitation offenbart sich die Krise des Kunstwerks mit technischer Übersteuerung. Es gibt keine Schlager mehr, nur noch das Feedback, das im Gehörgang nistet wie der Ruß der Schornsteine.

Im Raum, den MC5 hinterläßt, gibt es keine Gemütlichkeit mehr. Nur noch das nackte, vibrierende Jetzt.

Diese Musik kennt keinen Rückwärts gang. Wer einmal den Fuß auf dieses Pedal gesetzt hat, wird von der Eigendynamik des Lärms vorwärtsgetrieben. Es gibt keine harmonischen Ausflüchte, keine lyrischen Zufluchtsorte. MC5 markiert den Punkt, an dem der Rock ’n’ Roll seine Unschuld verliert und begreift, dass er entweder Teil der Unterdrückung oder Teil der Befreiung sein muss. Sie stehen am Ausgang einer Epoche und weisen mit brennenden Instrumenten den Weg in eine Zukunft, die so unbarmherzig und laut ist wie die Fabrikhallen, aus denen sie kamen.

 

***

Kick Out the Jams, MC5. Elektra Records 1969

Weiterführend  Mit einem freundlichen Hinweis auf eine andere Geburtshelferin darf man dies Proto-Punk nennen. Lesenswert der Essay von Peter Glaser: Attrappe einer Kulturgeschichte von neulich. Der „Ratinger Hof“ bildete in Düsseldorf eine subkulturelle Scharnierstelle. Die Rheinmetropole war so etwas wie die heimliche Hauptstadt der alten BRD, im Bermuda-Dreieck zwischen der Uel, dem Einhorn und dem Ratinger Hof traf man auf geballte Zeitgeist–Kompetenz. Lesen Sie auch den Artikel Perlen des Trash über 25 Jahre Gossenhefte. Ebenso eindrücklich empfohlen sei Heiner Links Vorwort zum Band Trash-Piloten. Luther Blissett beschreibt den Weg von Proust zu Pulp.