Ein Hoax?

Das Wort Hoax ist zum ersten Mal 1796 belegt. Seine Herkunft ist nicht eindeutig nachgewiesen, es wird jedoch vermutet, dass es sich von Hocus ableitete, welches wiederum eine Verkürzung von Hocus Pocus („Hokuspokus“) war. Frühe Beispiele für die Verwendung des Begriffs finden sich bei der Berichterstattung über den Berners Street Hoax von 1810.


Das Christentum ist in akuter Gefahr. Und damit wir, das christliche Abendland und mit ihm die christlichen Werte. Was wir derzeit erleben, ist eine „Völkerwanderung nach Europa“. Eine „Flüchtlingsinvasion“, ein „muslimischer Migrationstsunami“. So dräut es bereits in den einschlägigen, radikal-nationalistischen Foren und Blogs. Ganz offen, ganz aktuell. Und ganz ungeniert. Perfide setzt, so dort der Tenor, der Islam „bei seinem dritten Versuch, das christliche Abendland zu okkupieren … die Waffen der mitleidserregenden Bilder“ ein, mit denen die deutsche Regierung und die „sie unterstützenden, weitgehend gleichgeschalteten Medien“ nun systematisch die „deutschen Gutmenschen durch monatelange Gehirnwäsche auf Empathie“ programmiert.

Es ist „das Reptil Merkel“, das den Deutschen „den finalen migrantiven Todesstoß zu setzen“ versucht. Denn „das Reptil besteht nur aus Lüge und Grausamkeit, diese Kreatur hat nichts mehr mit einem Menschen zu tun.“ Und die in Griechenland gestrandeten Flüchtlinge sind mitnichten Flüchtlinge, sondern reine „Wohlstandsreisende“. Sollten „die Kinder der Reiseparasiten jetzt grausam zugrunde gehen, hat das unmenschliche Reptil (das) allein zu verantworten“. Was ja fast schon wieder ein Glück für uns wäre, würden doch sonst „die von Tillich und Merkel Hereingeholten … in der BRD vergewaltigen, Kinder schänden, rauben, morden und sich sonst mit Verbrechen die Zeit vertreiben“.

Als wäre unsere „migrantive Ausrottung“ nicht schon Unheil genug, erfährt man in diesen Foren und Blogs auch, wer eigentlich hinter der prognostizierten Abschaffung des Euro-Bargelds und der – in der Tat ja äußerst bedenklichen – Datensammelwut von Google, Amazon, Facebook & Co., die diversen Geheimdienste von NSA über GCHQ bis FSB nicht zu vergessen, steckt. Es werden hier alle Puzzleteile sorgsam in eins gefügt und ein intentionaler, kausaler Zusammenhang hinterlegt. Wer hernach als zentrale, weltverschwörerische Steuerungseinheit zur Auslöschung unserer abendländischen Kultur identifiziert wird? Man glaubt es kaum, es ist ein alter Bekannter: „das internationale Finanzjudentum“.

Der ewige Jude. Scheint einfach nicht totzukriegen zu sein. Und jetzt macht er auch noch gemeinsame Sache mit dem Muselmanen, der in dem gewaltigen muslimischen Migrationstsunami Europa flutet. Völlig klar, dass da „anständige, ethnische Deutsche“ ins Visier der Ermittlungsbehörden geraten müssen, „nur weil sie öffentlich die Holocaust-Lüge entlarven“. Aber es besteht Hoffnung, denn der „bereits zum Untermenschen heruntergeschändete deutsche Mensch steht noch einmal auf“. Und am Ende des Kampfes wird „das künftige Deutsche Reich nur von ethnischen Deutschen und authentischen Europäern besiedelt werden“.

Die Sozialpsychologie weiß seit langem, dass Täter auf ganz menschlich-allzumenschliche, intuitive Rechtfertigungsstrategien setzen, nach der sie, wie Steven Pinker sagt, sogar „ehrlich an ihre Version der Geschichte (glauben), wonach sie das unschuldige, seit langem leidende Opfer“ sind. Dies ist hier nicht anders. Ja, es ist sogar geradezu der Prototyp dieses Argumentationsstereotyps: Der Täter handelt in reiner Notwehr, die vermeintlichen Opfer entpuppen sich als die eigentlichen Täter. Und damit, vice versa, die Täter als die wahren Opfer. Durch diese Umkehrung der Verhältnisse wird in einer Art Befehlsnotstand vorauseilend alles gerechtfertigt, was folgen mag – alle Folgen haben demnach die Opfer, die als Täter entlarvt wurden, zu verantworten. Selber schuld.

Durch die vollständig gelungene Internalisierung dieses Argumentationsmusters, bis hinein in die tausendjährigen Begrifflichkeiten, glauben diese ‚anständigen Deutschen’, völlig unbelastet von jedem Selbstzweifel, ganz aufrichtig an die unumstößliche, historische Gültigkeit ihrer Annahmen und Analysen. Fast schon notwendigerweise muss ihnen da jedwede gegenteilige Argumentation als schlagender Beweis für ihre Richtigkeit erscheinen. Eine perfekt gelungene Strategie und hermetisch geschlossene, monadische Denkstruktur: Es werden aus der Sicht des ‚seit langem leidenden Opfers’ streng monoperspektivisch nur noch die Fakten wahrgenommen, die genau in die eigene Argumentationskette passen. Ein konsistente Bestätigung der eigenen Position, Prognosen und Urteile ist die zwangsläufige Folge. Self-fullfilling prophecy der perfiden Art.

Wer sich jetzt leicht wohlig-schaudernd wie bei einem skandinavischen Sonntagabendkrimi im Zweiten zurücklehnt und meint, dies sei ein randständiges Phänomen, das ihn nicht weiter betrifft, sollte sich seiner Sache nicht allzu sicher sein. Denn auch wenn hier Argumentationen und Begrifflichkeiten in einer Form auftreten, die zur Gänze in geradezu grotesker Weise mit den propagandistischen Argumentationen und Begrifflichkeiten eines Joseph Goebbels übereinstimmen, heißt es durchaus nicht, dass es sie nicht auch sprachlich und argumentativ als gut verträgliche, leicht verdauliche und bildungsbürgerlich hübsch angerichtete Kost gibt.

Die Sorge der Bürger, die die Frage umtreibt, ob es denn die Sache wirklich wert sei, „die Rettung von Menschen aus einem Kulturraum, der uns Christen und Mitteleuropäer traditionell verachtet oder gar hasst“, in welcher Form auch immer weiter zu betreiben, wo dies letztlich aber doch nur „Unfrieden, Gewalt und Kosten bringt und unsere Lebensqualität absenkt“, muss ernst genommen, bedacht und bewältigt werden. Dringend, bevor es zu spät ist. Aber die vielen durchaus zu Recht besorgten und verängstigten Bürger, die eine solche Frage seit Monaten immer drängender umtreibt, sollten sich ihrerseits in einer ruhigen Minute, selbstkritisch und in aller Ernsthaftigkeit, einmal die Frage stellen, wie weit sie denn de facto noch von jenen völkischen Denkmustern entfernt sind.

„Menschen mit einer vorgefassten Meinung lassen sich fast nie von gegenteiligen Informationen überzeugen. Fakten dringen nicht mehr zu ihnen durch – und sie interessieren viele Menschen auch nicht mehr.“
Es bleibt nur inständig zu hoffen, dass der SWR-Intendant Peter Boudgoust mit dieser Ansicht voll umfänglich unrecht hat.

 

 

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Essays von Stefan Oehm, KUNO 1996

Die Essays von Stefan Oehm auf KUNO kann man als eine Reihe von Versuchsanordnungen betrachten, sie sind undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Er betrachtet diese Art des Textens als Medium und Movens der Reflektion in einer Zeit, die einem bekannten Diktum zufolge ohne verbindliche Meta-Erzählungen auskommt. Der Essay ist ein Forum des Denkens nach der großen Theorie und schon gar nach den großen Ideologien und Antagonismen, die das letzte Jahrhundert beherrscht haben. Auf die offene Form, die der Essayist bespielen muss, damit dieser immer wieder neu entstehende „integrale Prozesscharakter von Denken und Schreiben“ auf der „Bühne der Schrift“ in Gang gesetzt werden kann, verweist der Literaturwissenschaftler Christian Schärf. Im Essay geht die abstrakte Reflexion mit der einnehmenden Anekdote einher, er spricht von Gefühlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend.