Vordenker im Netz

Joachim Paul ist ein wichtiger Vordenker – nicht etwa, daß er uns etwas vor denkt, sondern im Sinne von: „Er denkt nach vorn!“ In der Mediensteinzeit des Internets installiert er mit der Plattform vordenker einen der aufregensden Trödelmärkte. KUNO spult für ein Statement zurück:

vordenker, unser für viele Disziplinen offenes Web-forum bietet Ihnen ein Forum für Ideen und Beobachtungen aller Art. Seit den achtziger Jahren begegnet uns der Begriff ›Vordenker‹ in der Presse im biographischen und politischen Zusammenhang sehr häufig, und sogar Grimms Deutsches Wörterbuch belegt die verbreitete Aktivität des ›Vordenkens‹ in der Literatur und Philosophie des vergangenen Jahrhunderts. Es gibt aber entschieden mehr als traditionelle Gründe, wenn Joachim Paul auf diesen Ausdruck zurückgreift.

Das ›Denken‹ hat nicht nur wortgeschichtlich viel mit Erinnerung zu tun. Wir denken unter anderem, indem wir Bekanntes mit neuen Erfahrungen oder Erkenntnissen vergleichen, unsere Phantasie dabei bewegen, die Dinge verstehen und neue Gedanken hervorbringen. Dies zeigt: Das Denken kennt keine disziplinären Schranken, die auch die Wissenschaft eigentlich eher unterstützen als begrenzen sollen, und es bewegt sich auch in der Rückbesinnung immer bezogen auf noch zu formulierende, d.h. zukünftige Gedanken. Denken ist daher ebensowenig nur ein Nach-Denken, wie die Arbeitsteilung in den Wissenschaften Selbstzweck ist. Dennoch führen die Schattenseiten der Partikularisierung oft zur vielbeklagten Fachblindheit, erschweren Verständnis und gegenseitigen Respekt.

Der Herausgeber des vordenker Joachim Paul erforscht Gebiete, die über den Rand der Buchstaben und Texte hinausreichen. Sie dehnen sich in gewisser Weise indes sogar über die Grenzen von Geist und Vernunft hinaus aus. In der Tradition Montaignes versteht er den Essay als Versuch, gibt diesem aber den naturwissenschaftlichen Sinn des Experiments, der experimentellen Versuchsanordnung und zugleich die existenzielle Bedeutung des Lebensexperiments und vertieft beides so ins Abgründige, dass aus dem Versuch sowohl die Versuchung wie der Versucher und das Versucherische sprechen. Welche labyrinthischen Gedankengänge bei diesem Auswahl– und Transformationsprozess durchlaufen werden, wie schnell ein brauchbarer Gedanke zu Abfall und Nebensächliches fruchttragend werden kann, beschreibt Paul in seinen Essays.

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Weiterführend →

In Trans- einer Reflexion über Menschen, Medien, Netze und Maschinen können wir dem wilden, kompromisslosen Denken von Joachim Paul ins 21. Jahrhundert folgen. Dieses Buch zeigt Paul denkend und es zeigt auch, wie er denkt. Er richtet seine Aufmerksamkeit genau darauf, was dem Denken im Wege steht. Genauer: was das Denken überhaupt erst präsent macht. Paul entwickelt eine Medientheorie, die auf Kulturtechniken setzt: Medien, Netze und Maschinen schreiben mit an unserem Denken.  Wenn ein User nur unter einem Programm arbeitet, ist er regelgerechter Untertan. Pauls Reflexionen waren 1996 eine Flaschenpost an die Zukunft; entkorkt verströmen die Essays von Joachim Paul ein betörendes Bouquet.