Wer Denkmäler aus Stein errichtet, zementiert die Schuld der Vergangenheit als Dekoration der Gegenwart. Mutabaruka dagegen spricht, und der Stein bekommt Risse. Seine Stimme ist kein Monument, sondern das Negativ eines Denkmals: Sie baut nichts auf, sie reißt die Fundamente frei.
Es gibt einen Realismus, der nichts weiter ist als die Kapitulation vor den bestehenden Verhältnissen. Dem stellt Mutabaruka die radikale Weigerung entgegen, sich mit dem Gegebenen abzufinden. Die Universalität seines Werks liegt gerade nicht in einer harmonisierenden Geste, die die Unterschiede wegwischt. Sie liegt in der Eröffnung eines Raums, der heute wie eine Utopie erscheint, aber die einzig denkbare Möglichkeit des Überlebens darstellt.
Mutabarukas Meisterwerk „Dis Poem“ ist kein Text, den man still auf Papier seziert; es ist eine akustische Intervention und eine radikale Absage an die bürgerliche Literaturästhetik.
Es ist die Vorstellung einer Menschheit, die aufhört, sich selbst und den Planeten zu parzellieren und auszubeuten. Diese Idee mag derzeit nicht realistisch sein – sie ist aber der einzige Maßstab, an dem sich Gegenwart messen lassen muss. Mutabaruka zeigt, dass der Kampf um die Befreiung schwarzer Menschen die Bedingung dafür ist, dass überhaupt erst so etwas wie eine „Menschheit“ entstehen kann. Seine Poesie schont nicht. Sie verfährt schonungslos mit den Illusionen der Gegenwart, um eine friedlichere, andere Existenzform aller Lebewesen auf diesem geteilten Planeten überhaupt erst denkbar zu machen.
Sein Barfußgehen ist keine Folklore, sondern eine methodische Kritik an der Asphaltierung des Geistes. Während die moderne Zivilisation versucht, jeden Kontakt zur Erde durch dicke Sohlen und Beton zu kappen, bleibt er mit dem Untergrund verbunden.
Für die Spoken-Word-Poetry bedeutet dies eine fundamentale Lektion über Erdung: Das Wort darf nicht schweben. Es muss den Boden berühren, auf dem das Unrecht geschah und geschieht. In einer Welt, die sich in virtuellen Räumen und abstrakten Finanzströmen verliert, holt diese Lyrik den Körper zurück in den Diskurs. Die Stimme vibriert vom Boden aufwärts. Sie erinnert uns daran, dass der Planet kein Besitzhaufen ist, den es zu verwalten gilt, sondern eine geteilte Lebensform, deren Verletzung uns alle betrifft.
Das gesprochene Wort (Spoken Word / Dub Poetry) ist bei ihm kein symbolischer Verweis mehr, sondern eine materielle Kraft. Es trommelt, schneidet und irritiert.
Das endlose Gedicht entlässt den Hörer nicht in die Katharsis. Es endet mit dem Vers, dass es in den Köpfen der Menschen enttäuschend unvollendet weitergehen wird („to be continued in your mind“). Das Gedicht existiert weiter, selbst wenn alle Dichter aufhören zu schreiben. Es wird zu einem permanenten, ungeschriebenen Teil der menschlichen Geschichte.
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The Mystery Unfolds von Mutabaruka, 1986
Weiterführend → Im typischen Gestus junger Dichter hasste Arthur Rimbaud die kleinbürgerliche Enge seiner Vaterstadt, was z. B. in dem satirischen Gedicht À la musique (An die Musik) zum Ausdruck kommt, er ist der erste Rockstar der Poesie. Dichter wie der Dub-Poet Linton Kwesi Johnson, der Punk-Poet John Cooper Clarke, der Lo-Fi-Poet Dan Treacy, der Spät-Expressionist Peter Hein, der Lizard-King Jim Morrison und die Grandma des Punk Patti Smith nutzten Musik als Transportmittel für ihre Lyrics. Und eigentlich könnte auch: „Dylan gut ohne den Nobelpreis für Literatur weiterleben und -arbeiten. Er ist auch kein genuiner Kandidat, insofern er halt kein ‚richtiger‘ Schriftsteller ist, sondern ein Singer-Songwriter.“ (Heinrich Detering).