Nachklapp

Im Vorbeigehen hatte sie Herrn Nipp einen leichten und wohl eher freundschaftlichen denn anmachenden Klaps auf den Hintern gegeben. Niemand würde auch nur entfernt behaupten wollen, er habe zwei Gesäßmuskeln, die besonders dazu Anreiz böten. Ganz im Gegensatz zu möglichen ähnlichen Erlebnissen in rauchgeschwängerten Schankstuben mit halbtotgesoffenen Dörflern oder Städtern durchaus ein Moment gegenseitiger Achtung und freundschaftlicher Zuneigung. Vor Jahren hatte er Ähnliches bei seiner damaligen Geliebten gemacht. Unwirsch hatte diese sich damals herumgedreht und ihn böse, bitterböse angefunkelt (Hurra, eine Correctio). Ein Blick, der ganze Rinderherden hätte vaporisieren können (Man soll es nicht glauben, aber tatsächlich arbeitet der Autor mit bestimmten Möglichkeiten der Literatur, hier sollte wohl die Hyperbel gedacht sein), der aber fast ohne Wirkung an ihm abprallte. Der Beobachter hätte in diesem Moment von völliger Gleichgültigkeit eines Mannes gegenüber nonverbaler Kommunikation mit dem weiblichen Partner sprechen können, aber das stimmte wohl einfach nicht. Herr Nipp war so einfach in seinen Gedankenstrukturen gebaut, dass er niemals hätte sich auch nur ansatzweise vorstellen können, ein solcher Blick auch nur im schlimmsten Gedankenspiel, in der lebensgefährdendsten Situation, könne ernst gemeint sein. Er hatte seine Erfahrungen mit Menschen gemacht, solch eine Bosheit konnte sicher nicht ernst gemeint sein. Nein, konnte wirklich nicht. (Der Leser beobachte hier: Ironie und dazu auch noch elliptischer Satzbau, das verweist auf die besondere Wichtigkeit dieser Behauptung.) Das war Schauspielerei auf höchstem Niveau. Später würde er seine Meinung irgendwann noch einmal revidieren, solch eine Bosheit im Blick ist jedem Menschen gegeben, es muss nur die richtige Gelegenheit kommen. Tatsächlich glitt mit den gerade ausgesprochenen Worten doch ein strahlend süßes Lächeln (unglaublich diese Häufung stilistischer Mittel und rhetorischer Figuren, hier Synästhesie) über das eigentlich sanfte, schöne, geradezu engelsgleiche Gesicht (ein Euphemismus beschönigt die Realität und das ist in manchen Fällen wirklich notwendig, diese auszuhalten). Selbst die Sonne wurde regelmäßig blass vor Neid, wenn sie dieses dunkle Strahlen beobachten durfte (Hyperbel). Dann hüllte sie sich in Wolkenschleier und schmollte den ganzen Tag lang (Personifikation). Ja, auch die Götter können sehr neidisch sein (Metonymie).

Alle weiteren Figuren mag sich der Leser bitte selber erschließen, ich wollte nur mal ganz kurz andeuten, dass man einen Text auch wie in der Schule lesen kann. Da unterrichten so benannte Pädagogen und glauben tatsächlich, mit dem Analysieren (Auseinandernehmen / Zerpflücken) könnten die Schüler zu einem höheren Verständnis der Literatur gelangen. Sie vergessen dabei allzu oft, dass all diese rhetorischen Figuren letztlich nur Werkzeuge sind. Sie vergessen, dass die Literatur den Kopf, das Gefühl, poetisch gesprochen DAS HERZ erreichen sollte. (wobei es sich bei Herrn Nipp nicht im Mindesten um Literatur handelt, sondern um Miniaturen) Wenn jungen Menschen auf diese grausame Art die Lust zu lesen vergrault wird, dann werden sie die nächsten Jahre wahrscheinlich freiwillig kein Buch in die Hand nehmen. Erst Jahre später lesen sie dann durch Zufall einige Zeilen und sind ganz plötzlich gebannt vom „Fluss, der gleichzeitig strömt und ruht“ (das ist ein Zitat). Wer weiß, vielleicht wird der vom Lesen künstlich Entfernte dann sogar mal ein Gedicht lesen. Wenn die Schulen endlich einmal anfangen würden den Kindern Lernorte zu schaffen, die zu eigenständigem Machen Anreiz geben. Wenn die Lehrer den Kindern die Möglichkeit gäben, sich zu entwickeln und nicht das Konkurrenzdenken schon in die frühe Kindheit transportierten. Und jeder, der jetzt sagt, die Schule solle auf das Leben vorbereiten, sollte Folgendes bedenken: Da stehen Lehrer vor den Kindern, die mit dem Leben nur recht wenig zu tun haben. Deren Karriere folgendermaßen aussieht: Schule – Studium – Schule.

Vor Jahren konnte man in einer kleinen Stadt am Rande der Sauerlandes (dies bezieht sich auf die wundervolle fünfteilige Trilogie „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams, die inzwischen posthum zu einer sechsteiligen Reihe erweitert wurde…) an allen Ecken laminierte und künstlerisch gestaltete Gedichte lesen und durfte diese sogar einfach mitnehmen. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viele Menschen dadurch zum ersten Mal seit Jahren wieder freiwillig Gedichte gelesen haben. Die Künstler sind damals sogar durch die Straßen gezogen und haben völlig fremden Menschen Gedichte vorgelesen. Auch Baumaschinen, wenn den Arbeitern das zu peinlich war. Hier wurden besondere Leseorte geschaffen, mit denen keiner rechnen konnte. So wurde beispielsweise über den Marktplatz ein Lyrikband gespannt, das alle Bürger auch selbst bestücken konnten.

Meine Bitte: Liebe Lehrer, schafft den Schülern die Möglichkeit, Lust auf Lesen zu entwickeln. Veranstaltet Lesenächte, geht mit ihnen in die Bibliothek, lest romantische Lyrik früh morgens im Wald, wenn der Nebel noch feucht auf der Haut zu spüren ist. Setzt euch in die U-Bahnstationen und Fußgängerzonen und lasst dort die Eindrücke für eigenes Schreiben sammeln. Übersetzt gemeinsam in die heutige Sprache und besprecht Möglichkeiten der Verfilmung. Man kann sich gar nicht vorstellen, welche Freude Schüler an Kafka entwickeln, wenn sie die Parabeln als Trickfilme umsetzen dürfen. Die Technik ist einfach und preisgünstig geworden, es gibt keine Ausreden mehr. Spielt mit ihnen Auszüge der zu behandelnden Dramen auf der Bühne, auch wenn die Iphigenie noch so zäh im Lesen ist, wenn die Schüler wirklich spielen dürfen, werden sie sie mögen. Jedes Gedicht ist rap-tauglich. Wer schon einmal onomatopoetische Lyrik als Soundcollage eines ganzen Kurses gehört hat, der weiß, dass die Ursonate Sinn macht. Zeigt ihnen, warum ihr Literatur studiert habt. Tatsächlich vergisst der Großteil von euch, dass ihr vor allem deshalb Germanistik studiertet, weil ihr selber gerne gelesen und selber geschrieben habt. Ja, das Studium hat euch ein wenig verbogen.

Entschuldige, lieber Leser, liebe Leserin, dass der Fluss des Lesens so brutal unterbrochen und umgeleitet wurde, aber es musste einfach mal raus. Nun also wieder zurück zur eigentlichen Geschichte:

Mit der Bemerkung „Das sieht gut aus, wenn es wackelt.“ hatte er allerdings einen schwerwiegenden Fehler gemacht. Keine Frau möchte, dass irgendetwas am Körper wackelt, es sei denn, sie kann es effekthascherisch und gewinnbringend einsetzen. Frauen wie Männer versuchen übrigens ständig, alle ihnen zur Verfügung stehenden Effekte einzusetzen, um Affekte bei den Anwesenden hervorzuzaubern.

Hatte nicht kürzlich noch eine junge Dame gesagt, das sei doch eigentlich ganz in Ordnung, wenn es nur Erfolge zeitige. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie effektiv es ist, manchmal den ganzen Körper zum Einsatz zu bringen, wenn man aufsteigen will. Einige machen dies ganz selbstverständlich, ohne es zu merken und entfachen damit in anderen ein Feuer, das die Röte ins Gesicht und Schauder über den Rücken treibt, andere müssen dies mühevoll lernen und einstudieren.“

„Eben deshalb sollst du das sein lassen. Ich mag einfach nicht, wenn etwas an mir wabbelt.“ Man beachte diese feine Bedeutungsverschiebung. Aus einen mit durchaus positiven Konnotationen versehenen Wackeln wird das äußerst negativ besetzte Wabbeln. Wir wollen immer das verstehen, was uns gerade nützlich erscheint. Dies ist wohl einer der Gründe, warum die meisten Gespräche aneinander vorbei laufen, ohne dass einer der Gesprächspartner dies auch nur ansatzweise erkennt. „Hey, das habe ich gar nicht gesagt. Ich sagte wackeln und das ist ein großer Unterschied, glaub es mir.“ Ein skeptischer Blick war zurückgesandt worden. Keine Frage, die war in die Augen geschrieben und gebrauchte keiner Verbalisierung mehr. „Der Unterschied zwischen Wackeln und Wabbeln? Wackeln ist eine durchaus erotische, meist rhythmische Bewegung von Körperpartien, zum Beispiel den Pobacken nach einer Einwirkung von außen, zum Beispiel einem Klaps. Das ist eine Freude für jeden im Anblick. Wabbeln ist dagegen das schlaffe und unkontrollierbare Schwappen von Körpermassen, denen eine straffe Struktur fehlt. Oft verknüpft mit unkontrollierten Nachbeben infolge allzu großer Fettansammlung oder fehlender sportlicher Betätigung. Das hat für die meisten nichts mit Erotik zu tun.“ Die Szene damals hatte mit einer großen Versöhnungssequenz geendet.

In der Jetztzeit wieder aus den Gedanken angekommen, versuchte sich Herr Nipp erst einmal zu besinnen. Was war da passiert? Er musste lächeln, drehte sich um und stellte fest, dass auch die Bekannte ein breites Grinsen im Gesicht hatte.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Die unerhörten Geschichten von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl überraschendes und unerwartetes, potentiell ungewöhnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens möglichen) Ursprung des Erzählten.

Weiterführend → 

Zum Thema Künstlerbucher lesen finden Sie hier einen Essay sowie ein Artikel von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus über Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.

Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erhältlich über die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421