Zorn

Zum Uranos-Mythos.

 

Der Titan Uranos löst sich von seinem Vater Kronos, der seiner Frau, Gaia, den Unterleib zunähte, damit Uranos und seine Brüder nicht geboren werden; das scheitert, und Uranos rächt sich an seinem Vater, indem er ihm das Glied abschneidet und ins Meer wirft: Aus Scha(u)m im Gekröse der Wellen entsteht – in männlicher Abwandlung der Parthenogenese – Aphrodite, die Göttin der Schönheit und Liebe…

In diesem Mythos steckt eine Variation des freudianischen Ödipos-Komplexes und vor allem das männliche Streben nach Omnipotenz, anders gesagt: Ein unfasslicher Narzissmus, nämlich die Welt und die Menschheit aus sich selbst, also ohne Frauen zu gebären, was ja, falls er je existierte, nur Gott zukommt, der nicht allein bleiben wollte, aber nicht sterben durfte wie Narziss, der also über die Erschaffung Adams und das Duplizieren seiner selbst in Jesus Christus die Menschheit erlöste (so wird gesagt). In Wahrheit erlöste er so sich selbst, und die Menschen wurden frei von Gott. Aber Letzteres ist eine erst noch zu schreibende letzte Befreiungstheologie, die viel zu tun hat mit der Emanzipation der Söhne von ihren Vätern, und nun sind wir wieder beim Zorn, den wir schon lange überwunden haben, und bei „Zorn“, der weiterwirkt als kulturelle Nebengeburt unserer Beschäftigung mit den narzisstischen Folgen unserer Emanzipation, die in dialektischen Schritten (Individuation) zu einem immer feineren Narzissmus führt: Der Selbstfindung und Selbstannahme, die in unserem Sterben zum Tod hin ihre Apotheose erfährt, ihren reifsten Grad: Allerletzte Emanzipation, jetzt vom Leben, als Erlösung im Nichts.

Weiterführend →

Ulrich Bergmann nennt seine Kurztexte ironisch „gedankenmusikalische Polaroidbilder zur Illustration einer heimlichen Poetik des Dialogs“. Wir präsentieren auf KUNO eine lose Reihe mit dem Titel Splitter, nicht einmal Fragmente. Lesen Sie zu seinen Arthurgeschichten den Essay von Holger Benkel. Eine Einführung in seine Schlangegeschichten finden Sie hier.

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