Ecce Eco!

Ein paar Nach(t)gedanken zu Umberto Ecos Roman des Romans des Romans

 

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Eco hält seine Semiose „Der Name der Rose“ für sein wichtigstes Buch. Ich auch.

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Mosaiksteine meiner Bewunderung dieses Romans sind die Verweise auf Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus, mit dem ich mich in meinem Studium auseinandersetzte. (Wahre Sätze sind Tautologien, Whitehead/Russell nennt sie … Axiome.)

Die Labyrinthmetapher – siehe Escher (und Escher, Gödel, Bach) –, also Jorges Bibliothek aufzufassen wie ein Gödelband-Bild Eschers, also als mathematischen Raum (und als Parallel-Bild für die zeichen- und sprachtheoretischen Räume), beweist, dass Interpretieren eine Form von Weitererzählen ist.

Die immer schrecklicher und dümmlicher ‚triumphierende’ Idee des Krimis: Sieg der Vernunft über das Irrationale – spiegelt sich wieder, auch in der scheiternden Vernunftgläubigkeit Williams, der allerdings mit einem Bein auch schon in der Popper-Welt unserer Zeit steht.

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Und die Sinn-Frage? „Obwohl der Roman selbst das Wort ‚Rose’ dreimal im Kontext von Liebe und Vergänglichkeit erscheinen läßt, betont der Titel eindeutig die Lesart des Wortes als reinen Signifikanten.“, schreibt der Bonner Romanist Dieter Penning in seinem brillanten Aufsatz „Der Leser im Labyrinth. Über die ‚unendliche Semiose’ in Umberto Ecos Roman ‚Der Name der Rose’“ (in: KODIKAS/CODE, Ars Semeiotica, Volume 12, 1989, No. 1/2. S. 100). Das sehe ich nicht so eindeutig. Der Titel ist nur ein Titel, er bleibt offen. Im Kontext der Seite 624 des Romans (aber auch schon früher) erscheint die Liebe (amor contra caritas) als Gegenposition.

Die Attraktion der Körper lässt sich nicht so leicht subsumieren unter die Zeichentheorie. Das Gefühl (die Physis) irrt nicht, auch wenn das Bewusstsein der Liebenden enttäuscht werden kann. Die Liebe ist so relativ und zeitlich begrenzt wie alle sprachlich-kommunikativen ‚Wahrheiten’ – die Liebe ist supra nomina!

Das Lachen und die Liebe – das lebensbejahende Nein als vernunftgemäßer Zweifel, und das Ja des unbedingten Vertrauens, das mit dem Leben diesseits und jenseits der Zeichen-Welt möglich wird – das sind die beiden großen Kräfte der Hoffnung in Ecos Roman.

Letztlich wird – nach Eco – die Wissenschaft zur fiktionalen Literatur, und im besten Fall umgekehrt auch. „Die Totalität der Welt, die in der Begrenzung des theoretischen Diskurses nicht zu erfassen ist, kann nur im Mythos zur Darstellung kommen.“ (Dieter Penning, S. 101) Vielleicht ist es so. Dann ist die Liebe ein Mythos, den sich die Liebenden mit ihren Körpern erzählen. Vielleicht ist es aber auch nicht so.

Weiterführend →

Ulrich Bergmann nennt seine Kurztexte ironisch „gedankenmusikalische Polaroidbilder zur Illustration einer heimlichen Poetik des Dialogs“. Wir präsentieren auf KUNO eine lose Reihe mit dem Titel Splitter, nicht einmal Fragmente. Lesen Sie zu seinen Arthurgeschichten den Essay von Holger Benkel. Eine Einführung in seine Schlangegeschichten finden Sie hier.

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