Seine Todesstunde zu wissen ist wie ständiges Sterben

Pereundi scire tempus assidue mori

(Publilius Syrus, 1. Jh. v. Chr.; Sententiae)

 

Der religiöse Mensch, der es schafft, an seine Wiederaufstehung zu glauben, ist noch besser dran, denn ihm kann der Tod nichts anhaben. Glauben ist gerechtfertigter lebenskünstlerischer Selbstbetrug… Zwar weiß auch der Glaubende nicht, wann er (anders) weiterlebt, aber er kann sich im Gegensatz zu Atheisten und Agnostikern zudem noch in Vorfreude steigern! Es ist erwiesen, dass gläubige Menschen im Durchschnitt länger leben, insbesondere Mönche und Nonnen. Die besten Lebenskünstler unter ihnen dehnen ihre Vorfreude auf den Tod aus wie einen Liebesakt, so lange es geht, und so genießen sie auch ihr Leben mehr als jeder andere, zumal sie weniger weltliche Ablenkung (!) und Abwechslung benötigen als die anderen. Ich erinnere auch an Thomas Manns zentralen Erkenntnissatz: „Du sollst dem Tod keine Macht über deine Gedanken geben!“ Das ist im „Zauberberg“ nicht primär christlich gemeint. Sondern als kluges Lebensgesetz. Aus höchster Erkenntnis erfolgt Verdrängungskunst! Den Tod verdrängen und zugleich in Leichtigkeit akzeptieren, das ist die Überwindung falschen Lebens.

Ernst Jünger sagt im Ersten Pariser Tagebuch: „In der Tat ist es ein Vorrecht des Menschen, die Zukunft nicht zu kennen; das ist einer der Diamanten im Diadem der Willensfreiheit, das er trägt.“ Ich schätze den Schriftsteller Ernst Jünger sehr, und es war gut, dass er den Rausch „In Stahlgewittern“ protokollierte und seiner Eitelkeit nicht die Maske einer falschen Bescheidenheit aufsetzte. Aber in dem zitierten Satz kann ich den Begriff des Vorrechts nicht verstehen, auch nicht akzeptieren; und wohltuendes Nichtwissen als „Diamant im Diadem der Willensfreiheit“ (Krone der Schöpfung…) ist Quatsch.

Mit der Gewissheit des Todes müssen wir fertig werden. Manche fallen in tiefe Depressionen, zumal wenn sich der Tod im hohen Alter immer mehr andeutet und in Unbeweglichkeit und Schmerzen bemerkbar macht. Da wird es auch immer schwieriger mit der Verdrängungskunst. Wenn wir nicht mehr mit dem Tod kokettieren können, hat er uns schon angefasst.

Der Tod

Ach, es ist so dunkel in des Todes Kammer,

Tönt so traurig, wenn er sich bewegt

Und nun aufhebt seinen schweren Hammer

Und die Stunde schlägt. – Matthias Claudius, 1799

 

An den Tod

Mich aber schone, Tod,

Mir dampft noch Jugend blutstromrot, –

Noch hab ich nicht mein Werk erfüllt,

Noch ist die Zukunft dunstverhüllt –

Drum schone mich, Tod. //

Wenn später einst, Tod,

Mein Leben verlebt ist, verloht

Ins Werk – wenn das müde Herz sich neigt,

Wenn die Welt mir schweigt, –

Dann trage mich fort, Tod. – Gerrit Engelke, 1914

 

 

Weiterführend →

Ulrich Bergmann nennt seine Kurztexte ironisch „gedankenmusikalische Polaroidbilder zur Illustration einer heimlichen Poetik des Dialogs“. Wir präsentieren auf KUNO eine lose Reihe mit dem Titel Splitter, nicht einmal Fragmente. Lesen Sie zu seinen Arthurgeschichten den Essay von Holger Benkel. Eine Einführung in seine Schlangegeschichten finden Sie hier.

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