Teufelchen

1. Unschuld (Monsterkind)

1.

Zu Beginn gibt es nur das Eine: Die Welt aus der Perspektive eines Kindes, das zwischen aufgehängten Kleidern herum kriecht, sich versteckt und die bunten Stoffe mit den Händen auseinander schiebt. Raschelgeräusche, die dabei entstehen. Das Kind ist begeistert. Und auf einmal ist da eine Stimme, die nach dem Kind ruft. Immer wieder. Sie ist rau, tief, eine Raucherstimme. Es ist die Stimme der Mutter.

Teresa. Wo steckst du? Teresa.

Das Kind weiß, dass es gemeint ist. Es nestelt noch ein wenig an den Rocksäumen herum. Dann, als es hört, wie sich Stimme nähert, bleiben die Bewegungen des Kindes ruckartig stehen. Es atmet ein und aus. Tief, fest. Lichtstreifen dringen durch die Ritzen zwischen den Kleidern zu dem Kind hinein. Es kann seine eigenen Fussspitzen zwischen den Schatten beobachten, tippt jeweils mit der einen auf der anderen herum. Das Kind gluckst, lacht. Es fühlt sich groß dabei.

Teresa.

Schmale, lange Hände schieben die Stoffe auseinander. Teresa zwinkert mit den Augen. Ein fünfjähriges Mädchen mit weißblondem Pagenkopf, hellgrünen Augen und einem runden Porzellanpuppenkopf blickt die Mutter an, die groß und knorrig vor ihm steht, eine langgezogene Schönheit mit breitem, aparten Gesicht und Schmoll- Lippen.

Na, meine Heldin der Kleiderzelte, sagt die Mutter und bückt sich.

Das Kind schiebt sich eine weißblonde Strähne hinter das Ohr, pustet sich die paar Stirnfransen aus dem Gesicht, die schon zu lang sind, und lächelt die Mutter schief an. Die Augen der Mutter glitzern. Katzenaugen, groß, grüngrau, sehr traurig. Die Hände berühren die Schläfen des Kindes, die Fingerkuppen sind kalt, aber das ist Teresa egal. Sie liebt die Mutter, liebt den tranigen Geruch, den sie in ihre Richtung hin ausstößt. Dass dieser Geruch von der Magensäure kommt, von dem Hunger der Mutter, die am Tag nicht mehr als eine Gurke isst, weiß Teresa nicht. Und wenn sie es wüsste: Es wäre ihr egal.

Teresa drückt den Stoffdinosaurier an den Bauch, den es immer einen Stoffdinosaurier mit sich herum trägt, und lächelt die Mutter an.

Hat sich der Dinosaurier mit dir versteckt, was? sagt diese.

Ja.

Teresa grinst und verlagert das Gewicht von einem Bein auf das andere, zieht den abgegriffenen Stoffdino an die Brust heran und vergräbt ihre Nase zwischen seinen Plastikhörnern.

Immer macht er komische Sachen mit dir, oder?

Teresa, das Kind, lacht.

Mit großen ruhigen Augen betrachtet es Nina, die Mutter, eine dürre große Frau mit Ringen unter den Augen. Lange. Dieser Moment gehört nur ihnen, weiß Teresa, das Kind. So wie die Mutter nur ihr gehört.

Auf einmal fährt eine Frau fährt auf Rollschuhen an sie heran, kommt neben Nina zum Stehen. Teresa zuckt ein wenig zurück, die rasche Bewegung auf Rädern macht ihr Angst, zu abrupt hält der schlanke vollbusige Körper der Verkäuferin der Boutique vor ihr. Beugt sich nach unten. Die Brüste labbern Teresa entgegen. Die Frau mit den Rädern an den Sohlen legt ihre Handfläche sanft auf die Schulter der Mutter. Was die da will, fragt sich Teresa, das Kind. Dass das doch ihre Mutter ist und nur sie darf sie angreifen, über sie mit ihren Händen verfügen, wie sie es für richtig hält, denkt Teresa.

Das ist meine Freundin. Die arbeitet hier in der Boutique, erklärt Nina.

Aha.

Und das ist meine Tochter, sagt Nina.  Und in ihren Augen leuchtet kurz etwas auf, das man Stolz nennen könnte, oder eine Andeutung von Liebe. Die Frau auf Rollschuhen streckt ihre langfingrigen Hände aus und beginnt, an den Backen des Kindes herum zu ziehen. Teresa rümpft die Nase, drückt den Stoffdino noch ein wenig fester an den Bauch. Ein komisches Gefühl gluckert ihr die Speiseröhre hinauf. Später weiß sie, dass sie dieses Gefühl Nervosität nennen kann.

Die ist ja niedlich.

Da flutscht es aus dem Kind heraus: Teresa rülpst. Sie ist in einem Alter, in dem sie das noch darf. Die Frau auf den Rollschuhen lächelt also nur. Nestelt an den kleinen Ohren des Kindes herum.

Was hat sie da für ein Tier, fragt sie und greift nach einem der plüschigen Stampferbeinen des Stoffdinosauriers.

Nina verdreht die Augen.

Seit frühester Kindheit ist Teresas uneingeschränkte Vorliebe für das Monströse etwas gewesen, das sie ausgezeichnet hat. Bereits als Zweijährige lief sie mit einem Dinosaurier im Arm umher, nannte ihn Oscar, fütterte ihn bei jeder Gelegenheit. Sein harter nackter Schädel ist aus Gummi, Teresa mochte das von Anfang an. Manchmal zieht sie Oscar an seinem langen Schwanz hinter sich drein oder kaut an Oscars speckige Babyschenkeln. Das Kind Teresa krümmt sich gerne, spielte Ei für den Dinosaurier. Sammelt am Liebsten winzige glitschige Wesen mit Reptilienhaut in Spielzeugläden, für die es hinterm Haus ihrer Großmutter kleine Höhlen aus Holzscheiten baut.

Die Freude an Höhlen sei etwas, das den ungeschickten Kindern eigen sei, hat Nina irgendwann einmal gelesen. Und es stimmt: Teresa ist ein Kind mit nilpferdhaften Bewegungen.Manchmal sieht die Tochter aus wie ein trauriger Elefant, denkt Nina. Was sie nicht weiß: Teresas kleinen Ohren hören bis in das Hämmern der Stille hinein, und manchmal hören sie sogar das Dahinter der Stille.

Was Nina Sorgen macht: Teresa mangelt es an Calium Carbonicum. Ihre Haut ist schweißig und hell wie die einer glitschigen Auster. Dass Teresa die meisten Menschen berührt, weil sie so  eigentümlich sanftmütg und ungeschickt ist, weiß Nina.. Manchmal plappert Teresa gegen alle Wände ihrer Mutter Nina an. Gräbt Löcher in ihre Bettdecke, formt sich zum Embryo, verschwindet darin. Das Hinterteil des Kindes ist das einzige, was sie dann noch zu sehen bekommt.

Was machst du da?

Kriechen, sagt Teresa dann immer, und Nina lacht.

Aber zurück zu der Welt aus Kleiderzelten, der Frau auf Rollschuhen.

Das ist ein Triceratops. Oder auch: Dreihorngesicht. Hat in der Kreidezeit gelebt, antwortet Teresa auf die Frage der üppigen Verkäuferin.

Die Frau auf Rollschuhen lacht schrill. Nina, die Mutter, grinst schief.

Für Barbies ist sie noch zu klein, oder? fragt ihre Freundin mit einem seitlichen Blick auf Nina.

Nina zuckt mit den Achseln.

2.

Die Asphaltstraße, die zum Kindergarten führt, kommt Teresa sehr weit vor. Sie müssen dafür einen Bauernmarkt überqueren, Holzläden, an denen Körbe mit bunten Früchten zu sehen sind, Orangen, Äpfel, daneben die Metzgerei und das Fischgeschäft, aus dem es nach alter Frau und Urin riecht jeden Morgen. Teresa kennt die Wege, die geschlängelten Gassen, sie weiß, sie muss sich nur von der Mutter an der Hand nehmen und bis hin zu der befahrenen Autostraße ziehen lassen, durch den Dschungel aus Obst, Gemüse und fetten Bauernfrauen hindurch, die laut rufen: „Birnen haben wir da.“

Nina geht mit schnellen Schritten. Zieht Teresa hinter sich her, die Mühe hat, mit der Bewegung  ihren langen Beinen mit zu halten. Ninas Füße stecken in eng anliegenden Seidenstrümpfen, ihre Schuhe sind hochhackig, die Waden dünn, die Schenkel können von zwei Kinderhänden umfasst werden.

Wir müssen uns beeilen, Schatz. Ich komm noch zu spät zum Shooting.

Teresa schleift den Dinosaurier hinter sich her, kaut an ihrem Schal.

Was ist ein Shooting?

Mein Arbeit, weißt du doch.

Macht wieder ein Mann Fotos von dir?

Ja.

Teresas Füßchen trippeln, sind immer ein wenig zu spät. Sie folgt der großen Frau. Der riesigen, hagere Mutter, deren Schritte staksen. Auf einmal sieht Teresa einen Hund, der an ihr vorbei geschliffen wird, an der Hand eines Mannes mit bunt gefärbten stacheligen Haaren. Teresa lächelt den Hund an. Legt dann den Kopf in den Nacken. Der Himmel ist hell, sie beobachtet die Wolken. Spürt die kalte, kraftlose Mutterhand zwischen ihren Händen und lächelt. Das Kind fühlt sich stark, groß, sicher. Auf einmal kippt Nina zur Seite und ihr Körper sinkt lasch gegen eine Häuserwand.

Mama, ruft Teresa aus.

Ninas Körper, ein zusammengesacktes Bündel aus Knochen und Haut auf dem Boden, zittert ein wenig. Teresa bückt sich, greift mit ihren kleinen knubbeligen Fingern nach den blutleeren Wangen der Mutter, die auf die Seite gerollt daliegt.

Mama. Was hast du?

Ninas Lider flackern. Sie atmet schnell. Ihre Worte kommen stoßweise und rau aus ihr heraus.

Ist nur der Kreislauf. Gib mir einen Moment entgegnet sie.

Teresa nickt.

Was ist ein Kreislauf?

Sei ein liebes Mädchen und stell keine Fragen.

Die Mutterhand fährt kurz in die Höhe, sinkt dann wieder lasch auf den Boden zurück. Der Mann mit Hund ist einfach weiter gegangen. Teresa guckt den wolligen Schritten des Tieres nach, das ein wenig an einen Bären erinnert. Der Schopf des Punks verschwindet nach und nach zwischen Autos und Ampeln.

Die Wolken verschieben sich nur langsam. Teresa weiß, dass auf der anderen Seite der Straße, hinter dem Drahtgeflecht, der Spielplatz ihres Kindergartens liegt.

Sie erinnert sich plötzlich an die Snoopytasche, die sie ihr geschenkt haben, bevor sie sie das erste Mal in einen Kindergarten schickten. Auf dem Weg dahin, ein Kiesweg, klapperten Teresa die Zähne. Die Mutter neben ihr atmete schnell und hastig. Sie ist krank, würde man Teresa später erklären. Das Herz der Mutter setzte damals schon für Momente aus, bis sie bei dem großen Pavillon ankamen. Teresa wusste nichts davon. Sie hielt die zittrige Hand der Mutter. Die vielen Nonnen mit den verknitterten Gesichtern, deren Mäntel sich aufbauschten, wenn sie liefen, verwirrten Teresa. Nina hatte dem Kind das Jausenbrot eingepackt. Teresa zitterte ein wenig und pickte an den Fingern der Mutter fest mit ihren Patschhänden, Schweißhänden. Und da waren viele Stühle, seltsame Früchte aus Plastik und lärmender Geräusche und ein Raum mit andere Kindern darin, die sich gegenseitig Gegenstände aus den Händen rissen. Und dabei kreischten. Teresa zupfte an ihren Fingern herum, die ihr wie Fremdkörper scheinen. In diesem Moment waren Teresas  einzigen Spielzeuge ihre Hände. Sie wollte nicht, dass die Mutter weggeht. Mochte die Frauen nicht angucken, die seltsame weiße Streifen um die Stirn hatten. Deren Lächeln ist nicht echt, dachte Teresa.

In diesem Kindergarten stellten sie ihr komische Puppen mit Gummischädeln und Wesen aus Stoff, die ranzig rochen, hin. Teresa war alles sehr fremd. Sie beguckte die Wesen ein wenig, weil man es von ihr zu erwarten schien, und fand keinen Dinosaurier unter den Tieren. Hinter dem großen Fenster dehnte sich eine weite Wiese aus vor ihren Blick, erinnert sich Teresa. Die Frauen hatten wippende Köpfchen, sahen aus wie Pinguine, fand das Kind. Ihre Körper waren in Kleider gehüllt, die sich aufbauschten und als schwarzen Zelte umher wehten mit jedem ihrer Schritte. Teresa wollte nicht da bleiben. Für Momente haben sie Teresa aber dann gekriegt, mit einem Buch, das sie begeisterte. Als Teresa in in die Bilder des Buches hinein kippte, hielt für einen Moment die Zeit an. Kaum konnte sie aufblicken, war die Mutter fort. Teresa riss sich los, lief zu einer der Holzbänke mit den Kleiderhaken, die nebeneinander standen, in Reih und Glied, ähnlich wie die in ihrem jetzigen Kindergarten. Seltsam maßgeschneiderte Bänke, erinnert sie sich. Sie wusste nicht weiter. Setzte sich. Wetzte mit ihren Fingern auf den Knien umher. Vollführte Wipp- Bewegungen mit dem Oberkörper. Auf und ab. Fremde harte Bänke aus Holz. Wein doch nicht, Kind, murmelte ein verhunzeltes Gesicht aus einem der schwarzen Tücher raus. Pinguinmenschen, dachte Teresa und  beugte sich nach Vorne. Dann kotzte sie.

Mit einem anderen Kindergarten versuchten Nina und Wolfgang es danach. Das wurde ihr Kindergarten, der jetzt auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf Teresa wartet. In diesem Kindergarten sind die Gegenstände kleiner, gedrungener. Passen besser zu ihrer Körpergröße, denkt Teresa. Die bunte Gartentür lädt zum Spielen ein. Die Fenster sind beklebt mit Schmetterlingen in allen möglichen Pastellfarben. Papierwesen hängen mit Tesa- Band gegen die Scheiben geheftet da. Auch hier gibt es diese seltsamen gerippten Holzbänke in Reih und Glied, aus dessen Verlängerungen Häkchen aus Metall staksen. An einigen hängen kleine Hütchen. Schuhe sind auf geschlichtet unter den Bänken. In bunten Farben. Freundlicher ist es hier als bei den Pinguinen, dachte Teresa beim ersten Mal.

Aber sie hat die Erwachsenen durchschaut. Sie wollen sie ködern, dachte Teresa. Denn sie durfte ihren Handabdruck in den Ton hineinpressen. Teresa trug beim ersten Besuch das grüne Kleid mit den vielen weißen Pünktchen. Spielte am Saum herum mit ihren Händen, weil sie nicht wusste, wohin mit den Händen. Die Große, von der sie alle sagten, sie sei eine Tante, rührte Gips an, eine weiße Masse in einem kleinen Topf, die breiig wurde, fest klebte am Holzlöffel. Die Tante rührte und rührte herum. Ihre drahtigen Finger umklammerten fest den Griff des Kochlöffels.

Darf ich deine Hand haben? sagte sie dann.

Nein, antwortete Teresa.

Sie schüttelte den Kopf, weil sie dachte, die Frau, die alle Tante nannten, meinte, sie wollte ihre Hand für immer. Sie begann, zu plärren. Wollte an die warme Bauchdecke der Mutter. An ihre kernigen Brüste, Honigbirnenbrüste.

Die lügen doch alle, dachte Teresa. Tun so, als ginge es um den Gips, als ginge es darum,  ihre kleine Hand als Abdruck für immer fest zu halten. Dabei wollen sie nichts als dich rumkriegen.  Dass sie da bleibt, so dachte Teresa, beim ersten Mal. Aber dann kamen sie immer wieder in den Kindergarten, und eines Tages ging die Mutter alleine weg. Und es begann, Freude zu machen, im Gips zu wühlen, die Joghurtbecher mit Wolle zu bekleben und aus einer Plastilinmasse runde bunte Kügelchen zu kneten.

Teresa ist ratlos. Sie weiß, dass sie da jetzt hin muss. Zu den Kindern.

Sie fährt der Mutter durchs Haar und denkt an ihren Kindergarten. Wie der Raum atmet, weich, wie die Farben streicheln. Sie beobachtet ihre eigenen Schuhspitzen und tippt kleine Rhythmen mit ihnen in den Boden gegen die Angst.

Mama.

Dass es da eine Tür gibt, die hinein führt in helle Räume, kleine Bänke mit Häkchen ganz Vorne, dahinter zwei Säle, ein großer, weiter, mit einem Stockbett, Dinosauriern und Gipsabdrücken von Kinderhänden an der Wand, und ein kleiner, dessen Wände mit einer Wiese und Kirschbäumen bemalt ist. In dem kleinen Saal werden immer die Matratzen ausgepackt für den Mittagsschlaf.

Teresa nimmt einen Zeh des Stoffdino in den Mund und kaut daran herum. Wieder und wieder. Zieht Speichelfäden im Mund lang. Sie spielt mit den Fussspitzen herum gegen die Angst. Sie wartet darauf, dass die Mutter wieder zu Atem kommt. Sich aufsetzen kann. Das Rauschen der Autos. Das Frühlingsgezwitscher vereinzelter Vögel, die in den noch kargen Bäumen hängen. Ein stechender Himmel. Niemand bleibt stehen. Niemand fragt. Teresa hockt neben der Mutter und beißt ein kleines Loch in die Stoffhaut ihres Dinosauriers.

***

Weiterführend →

Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. In ihrem preisgekrönten Essay Referenzuniversum geht sie der Frage nach, wie das Schreiben durch das schreibende Analysieren gebrochen wird. Vertiefend zur Lektüre empfohlen, das Kollegengespräch :2= Verweisungszeichen zur Twitteratur von Sophie Reyer und A.J. Weigoni zum Projekt Wortspielhalle. Hören kann man einen Auszug aus der Wortspielhalle in der Reihe MetaPhon.