Und Pollock?

Zum Form-Inhalt-Problem:

Das Ausloten aller Möglichkeiten zwischen beiden Polen, dem Inhalt und der Form, führt zu gültiger Kunst; selbst wenn einer dieser Pole zu verschwinden scheint, was ja nicht möglich ist.

Der Grad der Akzentuierung von Form und Inhalt kann noch keine Wertungs-Grundlage darstellen. Auch der Grad der Akzentuierung des Werk-Kontexts besagt für sich allein noch nichts über den Wert des Werks. Auch die Übereinstimmung des Werks mit dem sogenannten Zeitgeist oder das Gelingen des Werks als Zeitausdruck kann nicht kategorische Wertungs-Grundlage sein; auch nicht die investierte Arbeit als Aufwand, auch nicht die verwendeten Mittel und Materialien, nicht die Haltbarkeit des Werks, nicht der Gültigkeits-Anspruch, – nichts von alledem. Nicht einmal das Neue, nicht die einmalige Idee.

Die Erweiterung des Kunstbegriffs ins Unendliche und Beliebige ist (schon immer! wenn auch heute in rasender Beschleunigung) im künstlerischen Arbeiten selbst angelegt, und anderes ist auch gar nicht möglich. Dieser Idee entspricht andererseits die Erkenntnis, dass endliche Wertungskriterien untauglich sind. Die Kunstbegriff-Erweiterung zieht eine Kriterien-Erweiterung ins Unendliche folgerichtig nach sich.

Es lebe die Kunst.

Nun wird aber trotzdem geurteilt – das bedeutet, dass mit endlichen Kriterien (bewusst oder unbewusst) die Werke mehr (oder weniger) anerkannt werden. Auf der subjektiven Seite ist solch ein Urteil natürlich möglich, nicht aber allgemein gültig. Allgemein gültige Urteile sind überhaupt unmöglich (angesichts der Nichtendlichkeit von Kriterien), und so behelfen wir uns mit konsensualistischen Anerkennungen, mit Vereinbarungen, die von Zeit zu Zeit sich wandelnde, also immer nur vorläufige oder vorübergehende Urteile sind: Kollektive Subjektivität.

Urteile sind Wirkungsbeschreibungen. Aber weder der Markt noch beliebige Mehrheiten von Fachleuten, Kunstliebhabern oder Laien können den Wert eines Werkes an sich festlegen. Der Einzelne kann sein Urteil nur als ein nur für ihn geltendes behaupten, und es ist immer vorläufig (auch für ihn selbst) und in Bezug auf die Allgemeingültigkeit des Urteils nur eingebildet.

Ein Urteil ist demnach ein Formulierungsversuch für das Gelingen oder Nichtgelingen meiner Einlassung auf Formen, Inhalte und Mittel des Werks.

Normen und Kriterien sind nur behauptete Geltungen von vorläufigen Wirkungs-beschreibungen; sie kommen  – wie Sehgewohnheiten – nur durch Mengenbildung von (angeblich) ähnlichen Werken (auf Grund gleicher oder ähnlicher Mittel, Themen oder Zeitbezüge) zustande. Solche Normen und Kriterien – miteinander konkurrierende Vereinbarungsprotokolle – haben eine zugleich hemmende wie provozierende Funktion für Gestalter und Betrachter.

Die Hemmung fördert einerseits das Innehalten, das Bewahren, das Veständnis und die sorgfältige Vervollkommnung im Produzieren und Reproduzieren der Werke, also Schöpfung und Rezeption; andererseits fördert sie schöpferischen Stillstand (beim Gestalter und nachschaffenden Betrachter) und das ganze, allerdings sozial auch positive Epigonentum, die Faulheit der Scheuklappen-Sehgewohnheit.

Die provokative Wirkung der Normen födert die Überwindung und Überschreitung solcher Gewohnheiten, sie gibt geradezu die Orientierung für neue Wege, sie erleichtert Erkenntnis.

Man hat seit hundert Jahren den Eindruck einer akzelerierten Kunst-Entwicklung. Die Vielfalt der Mittel ist gewachsen. Seit Jahrzehnten beobachten wir die hemmende Wirkung der von Duchamp provozierten Normen. Duchamp gilt mir hier nur als ein früher Repräsentant vieler neuer Bewegungen. Der von ihm bewusst oder ungewollt abgesteckte Raum von Möglichkeiten wird derzeit noch immer gefüllt (Innehalten, Bewahren, Verständnis, Vervollkommnung …).

Dieses Innehalten wird auch deutlich in den vielen Selbstgesprächen der Kunstwerke und ihren Dialogen mit anderen Kunstwerken.

Die sogenannte figurative, gegenständliche oder konkrete Kunst ist nicht am Ende, auch nicht die sogenannte abstrakte. Der Dialog zwischen beiden dauert an.

Das seelische Fassungsvermögen der Rezipienten hängt von Bereitschaft und Gewöhnung ab – hierüber lässt sich noch nichts Endgültiges sagen. Höchstens soviel, dass dieses Problem in der Musik schon lange wesentlich größer ist als im Bereich der optischen Kunst; die erzählende Literatur ist vergleichsweise sehr ‘tonal’ geblieben – nichtfigurative Werke, vor allem im Bereich der Lyrik, etwa konkrete und visuelle Poesie, gewinnen langsam Akzeptanz.

Grundsätzlich Neues zu schaffen dürfte immer schwerer werden. Da das Neue immer noch neu und nicht verbraucht ist, würde womöglich noch Neueres erst einmal gar nicht verstanden oder gar erkannt werden.

Und Pollock? Zu Pollock kann ich sagen, dass ich inzwischen Cy Twombly näherrücken konnte und dass mir die Holzskulpturen von Baselitz als expressionistische Fortsetzungen immer mehr gefallen.

Und Signorelli, Bellini, Mantegna…? – Es ist bedauerlich, dass vielen die ältere Kunst so fern liegt. Nicht selten schuf Rückbesinnung das Neue (Shakespeares Bedeutung für Lessing, Goethe, Pirandello und Brecht) – wir dürfen nicht Gefangene im Spinnennetz unserer Zeit werden.

[An Uli Blendinger 4.2.1989]

 

Weiterführend →

Ulrich Bergmann in der „Buchhandlung 46“ in Bonn

Ulrich Bergmann nennt seine Kurztexte ironisch „gedankenmusikalische Polaroidbilder zur Illustration einer heimlichen Poetik des Dialogs“. Wir präsentieren auf KUNO eine lose Reihe mit dem Titel Splitter, nicht einmal Fragmente. Lesen Sie zu seinen Arthurgeschichten den Essay von Holger Benkel. Eine Einführung in seine Schlangegeschichten finden Sie hier.