Wer den Père-Lachaise betritt, sucht nicht die Toten, sondern die Spuren ihrer Abwesenheit.
Paris ist die Hauptstadt des neunzehnten Jahrhunderts; der Père-Lachaise ist ihre Miniatur aus Granit. Die Alleen sind wie Passagen angelegt, in denen die Toten in den Schaufenstern ihrer Grüfte stehen. Der Flaneur, der hier wandelt, kauft keine Waren, sondern Melancholie. Er liest die verblassten Namen auf den verwitterten Schildern wie die Reklame längst bankrotter Firmen. Chopin, Wilde, Piaf: Sie sind die Modewaren einer Ewigkeit, die im stündlichen Takt der Touristenströme konsumiert wird. Wer das Grab von Jim Morrison besucht, muss unweigerlich als Walter Benjamin denken.
Das Grün auf dem Stein ist die Tinte, mit der die Zeit die Verträge der Unsterblichkeit umschreibt. Je unleserlicher die Inschrift wird, desto reiner spricht das Denkmal. Erst wenn der Name des Bankiers völlig unter dem Moos verschwunden ist, gehört sein Grab der Poesie.
Die künstlichen Blumen aus Porzellan und Draht, die man auf den Pariser Gräbern findet, sind die rührendsten Zeugen des industriellen Zeitalters. Sie trotzen dem Regen, aber sie sterben an der Hässlichkeit. Sie sind der untaugliche Versuch, den Trost in die Massenproduktion zu überführen. Wahre Trauer ist unzweckmäßig; sie gleicht dem wilden Wein, der die Gitterroste der Familiengruft sprengt, um Licht zu suchen.
Der Friedhof ist kein Ort der Ruhe, sondern das letzte Refugium der Dialektik.
Hier, wo der Lärm der Boulevard-Metropole nur noch als fernes Branden zu hören ist, stoßen die Gegensätze ungebremst aufeinander: Der absolute Stillstand der Gebeine und das nervöse Klicken der Kameras. Wer hier verweilt, begreift, dass die Rettung der Vergangenheit nur im Augenblick ihres Verschwindens gelingt. Die Romantik dieses Ortes ist die Sehnsucht nach einer Katastrophe, die bereits stattgefunden hat.
Indians scattered on dawn’s highway, bleeding
Ghosts crowd the young child’s fragile, eggshell mind
Der Cimetière du Père-Lachaise ist der größte Friedhof von Paris und zugleich die erste als Parkfriedhof angelegte Begräbnisstelle der Welt. Er ist nach Pater François d’Aix de Lachaise benannt, auf dessen Gärten der Friedhof errichtet wurde. Mit einer Fläche von 44 Hektar ist er der größte Pariser Friedhof. In 69.000 Grabstätten wurden bisher etwa eine Million Verstorbene beigesetzt. Mit rund 3,5 Millionen Besuchern im Jahr ist Père Lachaise eine der meistbesuchten Stätten in Paris. Wieviele davon das Grab des am 3. Juli 1971 in Paris verstorbenen Jim Morrison besuchen ist nicht bekannt.
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James Douglas Morrison (8. Dezember 1943 – 3. Juli 1971) war ein Songwriter, Musiker, Poet und Mitglied von The Doors.
An American Prayer, Lyrik von Jim Morrison, erschienen 1970 im Selbstverlag (500 Exemplare).

Weiterführend → Poesie zählt für KUNO weiterhin zu den identitäts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer poetologischen Positionsbestimmung.
→ Walter Benjamins Kleine Geschichte der Photographie (1931) war einer der frühesten Versuche zum Verständnis der immer noch jungen Technik.
