Klein aber oho!

5. Februar 2018
Von

Seine Gedichte sprechen über die Unmittelbarkeit der Erfahrung.

Enno Stahl

Durch die nebensächlichsten Dinge schaut der Lyriker Stan Lafleur ins Weite der Welt. Sein kleiner aber sehr feiner Auswahlband MINI WELT beinhaltet 28 Gedichte über die Möwe im Zeitalter ihrer technischen Reproduzier- und neoliberal geprägten Anpreisbarkeit, über heimatlichen Umgebungswandel und den Stand der Fortschritte zur Aufhebung der Klassengesellschaft. Dieser Lyriker gehört zum Typ des Schriftstellers, der in alle Himmelsrichtungen ausschweift, Abenteuer sucht, nach vorne schaut und von diesen Eindrücken gesättigte Werke schreibt. Geschrieben hat dieser Poet diesen Zyklus als Wanderer zwischen den Welten: am Rhein, am Bosporus, auf seinem Mauenheimer Balkon und im Fernbus während langwieriger Polizeikontrollen an den innereuropäischen Grenzen. Die Bora, einer der stärksten Winde der Welt, half mit scharfböig vorgetragener, rüttelnder und jaulender Kritik beim Textschliff, als er bei Zvona i Nari in Ližnjan als Artist in Residence zu Gast war.

Der Autor in der klassischen Rolle als politisch-gesellschaftlich handelndes Subjekt.

Den Schwerpunkt des Bandes bildet das Eingangskapitel Möwen von Jetzt. Das Wesen des Vogels, eines der beliebtesten Motive der Dichtung, befindet sich im Wandel. Bereits vor 280 Jahren hatte der französische Ingenieur Jacques de Vaucanson eine hochkomplexe automatische Ente gebaut, die trinken, essen, mit den Flügeln flattern, schnattern, paddeln und sogar verdauen konnte, ein mechanisches Wunderwerk, das seinen Schöpfer berühmt machte. Diesem flugunfähigen canard digérateur folgten diverse Ornithopter: mechanische Vögel mit Schlagapparat und/oder Gleitfähigkeiten, angetrieben von Pressluft, Kohlensäure oder Revolverpatronen. Einen solchen künstlichen Vogel sah Lafleur erstmals 2012 in Istanbul den Galataturm im Flug umrunden. Angetrieben von einem Gummimotor hielt er sich gute zehn Sekunden in der Luft und vollführte erstaunliche Kapriolen. Wo er flog, flogen auch biologische Spatzen, Tauben und Möwen. Die Bausätze, die es um sehr kleines Geld zu erstehen gab, hatten aus Fernost an diesen historisch belasteten Ort der Aeronautik gefunden. Bereits ein Jahr zuvor hatte der schwäbische Automatisierungsbetrieb Festo den SmartBird entwickelt, einen bionisch-elektronischen, der Silbermöwe nachempfundenen Vogel, und für sich in Anspruch genommen, den Vogelflug technisch entschlüsselt zu haben. Ungefähr zur gleichen Zeit lernte er in einem Workshop bei Hannes Hoelzl wie handelsübliche Alarmanlagen zu Singvögeln umgelötet werden können – seither ist sein Gehör für artifizielle Vögel im öffentlichen Raum sensibilisiert: die Eroberung unserer Umwelt durch künstliche Vögel, die in der Dichtung bisher nicht sonderlich auffällig wurden, hat bereits vor einem Vierteljahrtausend begonnen.

Diese Lyriker hat es nicht nötig, seine Wahrnehmungen mit der Creme salbender Schönheit zu tunen. Seine Wahrnehmung ist brennscharf, er hat ein untrügliches Gefühl für dramatische Zwischenräume, das lyrische Ich reflektiert gesellschaftliche Zustände in der Regel beiläufig, und zumeist heiterer Melancholie oder in bitter klugen Farcen.

Diese Gedichte sind ein Extrakt aus schwer bezahlbaren Lebens- und Erlebniserfahrungen, die unausweichlich zu einer bestimmten Formensprache führe. So wird die Formerkundung  der Möwen unweigerlich zur Welterkundung und die übrigen Kapitel handeln von Umgebungen, die der neue Supervogel mit seinen Kameraaugen aufnehmen und für un/bestimmte Zwecke abspeichern könnte: Zeugnisse sich ausbeulender Zeit- und Gesellschaftsmatrix, des Alles und Nichts – häufig aus in der Lyrik eher unterrepräsentierten Perspektiven auf den kleinbürgerlichen, proletarischen und randständigen Alltag.

Lafleur zu lesen schult die Aufmerksamkeit, im Kleinen das Große, das Überzeitliche wahrzunehmen.

Der Titel des Bandes, MINI WELT, sollte ursprünglich barockes Ausmaß erreichen (wer das rheinsein-Projekt kennt, ahnt, welche Ausmaße dies annehmen kann), Inhalte, Entstehungsbedingungen und Förderer in einem über mehrere Zeilen mäandernden Satz inklusive Kommata und Punkt berücksichtigen, um aktuelle Produktionsvorgaben hiesiger Dichtung mit einer gefilterten Rückspiegelsicht auf feudale Bedingungen zu überblenden. Die Corporate Design-Vorgabe der Reihe ließ das nicht zu. Es ist trotzdem stimmig einen sehr komprimierten und konzentrierten Gedichtband in Händen zu halten, dessen Gedichte im Dialog miteinander stehen. Das führt dazu, dass man schnell hin und her zu blättern beginnt um den Klangechos der Worte nachzuspüren. Denn die Gedichte von Lafleur rauschen und klingen für sich und scheinbar von ganz alleine, man muss ihnen nur zuhören, ihnen und ihrem Flügelrauschen, das ein durch und durch überraschendes sein kann. Lafleur beweist Gespür für dezente aber sehr bewußte Wort- und Motivwiederholungen, die den 32-seitigen Gedichtband selbst in dieser Kürze zu einem in sich stimmigen Ganzen werden lassen – zum Minipreis von 5 Euro. Das sind knapp 18 Cent pro Gedicht, ein unverschämt günstiger Preis, der dadurch zustande kommen konnte, daß die Nyland-Stiftung Druck und Lektorat der Reihe subventioniert.

***

MINI WELT von Stan Lafleur, Lyrik-Edition Rheinland, Edition Virgines, Düsseldorf 2017, 
32 Seiten, 14,5 x 21 cm, Taschenbuch

Weiterführend →

Ein Porträt der Hungertuchpreisträgers von Enno Stahl finden Sie hier.

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