Jenseits des Urals

29. Mai 2015
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Wer sind die echten Sibirjaken? Für die Autorin, eine ausgewiesene Kennerin Sibiriens („Transsibirische Eisenbahn“ Berlin 2002; „Meine sibirische Fleckendecke“, Düsseldorf 2004), leben sie an der Unteren Tunguska, dem mächtigsten Nebenfluss des Jenissei, dort, wo nördlich des Ortes Turuchansk dieser „Dunkle Strom“ (vgl. den gleichnamigen Roman des sibirischen Schriftstellers Wjatscheslaw Schischkow) in gewaltigen Wasserwirbeln sich mit dem Mutterstrom vereint. In diesen ufernahen Siedlungen leben sie, die „geborenen russischen Dissidenten“, wie sie augenzwinkernd von sich behaupten. Sie sind so zäh wie Rentiere, abgehärtet von ihren Dampfbädern, dem ständigen Wechsel von heiß zu eiskalt,  dem Aufenthalt bei bis 40 Grad Minus im langen sibirischen Winter und dem Kampf gegen die Mückenschwärme in den drei Sommermonaten.

Ihre wochenlange Reise von den Quellen des Jenisseis bis zu dessen Mündung im Polarmeer hat Tatjana Kuschtewskaja in elf Abschnitte gegliedert, wobei sie die Annäherung an den längsten Strom Sibiriens (rund 4300 km mit zwei klugen Bemerkungen über den Charakter Sibiriens garniert: Wer hier weile, der sehe sich selbst von außen, und die Reise auf dem Jenissei selbst sei eine bestimmte Art der Selbsterfahrung. Und zum zweiten: Je schneller du dich einem Ziel näherst, umso schneller weicht es zurück. So ausgerüstet mit sibirischen Lebenserfahrungen, präsentiert sie ihre persönlichen Erlebnisse einem Leser, der sich mit mehr als hundert Schwarz-Weiß-Fotografien darüber hinaus sich auch bildliche Eindrücke verschaffen kann. Die ersten drei großen Etappen gehen von den Quellflüssen des Jenisseis über Kysyl und Abakan nach Krasnojarsk, der mit rund einer Million Einwohner drittgrößten Stadt Sibiriens. Doch bevor sie eine eingehende Beschreibung dieser Stadt zwischen Altstadt, Fluss und dem einschüchternden Pathos der stalinistischen Architektur liefert, führt sie ihren Leser in das berühmte Naturschutzgebiet Krasnojarsker Säulen, das sich durch bizarre Felsformationen und einer einzigartigen Pflanzen- und Tierwelt auszeichnet. Seit 1925 unter staatlichem Schutz stehend, besuchen es jährlich nach offiziellen Angaben rund 200 000 Personen.

Auffallend in der lebendigen Beschreibung Sibiriens durch die Autorin ist deren kritische Bewertung des bis in die jüngste Gegenwart „barbarischen Umgangs“ mit natürlichen Ressourcen und mit den Tieren, die Sibiriens Reichtum ausmachen: die Wölfe, die bis zum Ende 20. Jahrhunderts wegen ihrer angeblichen Schädlichkeit zu Tausenden vergiftet wurden, die Braunbären, deren Anzahl durch Wilderer dezimiert wurde, der Fischbestand in den großen Flüssen, der aufgrund der oft ungefilterten Industrieabwässer zurückging. Diese Einsprengsel laden den Erzähltext, der mit Legenden, Märchen und Ausschnitten aus Prosatexte angereichert ist, mit Informationen auf, die dem Leser distanzierte Blicke auf eine wild-romantische und so unbekannte Landschaft erlauben.

Die folgenden fünf Reiseabschnitte bestehen aus den Etappen Krasnojarsk – Jenissejsk, Jenissejsk – Turuchansk, Turuchansk – Igarka, Igarka- Didunka, und Didanka nach Dikso am Polarmeer. Was alles erfährt der Leser über die ethnografischen Schatzkammern in diesen weiträumigen Gebieten? Einige Beispiele mögen das belegen. Tatjana Kuschtewskaja erzählt über eine Gemeinde von Altgläubigen aus dem Dorf Burni im Ewenkenkreis, die während eines schlimmen Wandbrands von ihren Nachbarn gerettet wurde, über das harte Leben von Goldgräbern, über ein kleines Literaturmuseum in Podtjosowo, das dem bekannten sibirischen Schriftsteller Wiktor Astafjew gewidmet ist, über das winzige Völkchen der Keten, die eine paläosibirische Sprache sprechen, über die Schamanen, die sagenhaften Wunderheiler oder über das Dorf Kureika, wo Stalin zwischen 1913 und 1916  verbannt war. Dort wurde 1934 ein Stalinmuseum eingerichtet, das nach 1956 wieder aufgelöst wurde.

Es gehört zu besonderen Merkmalen dieses anschaulich gestalteten Reisebuchs, dass seine Autorin ihre kritischen Eindrücke vom harten sibirischen Leben in die Bewertung ihres Gegenstands einbringt. Auf diese Weise verbinden sich übersichtliche Darstellungen riesiger geografischer Räume mit touristisch überschaubaren Beschreibungen von Reisen, die mit Flussdampfern, Booten mit kundigen, einheimischen Begleitern oder auch mit gemieteten Autos durchgeführt werden können. Informationen mit Fahrplänen und Empfehlungen, auch für Einzelreisende, komplettieren den Reiseführer so anschaulich, dass man sich wünscht, mit der Autorin das „große Wasser“ des Jenissei zu bereisen. Sie erzählt offenherzig, hat für jeden eine spezielle Reiseroute parat und spricht stets eine fürsorgliche Warnung aus: die Taiga rings um den dunklen Strom ist verlockend, aber auch heimtückisch, denn die Natur schlägt zurück, unerwartet, geheimnisvoll, rätselhaft.

***

Der Jenissei – ein sibirischer Strom, Geschichte und Geschichten von seinen Quellflüssen bis zum Polarmeer, von Tatjana Kuschtewskaja. Berlin (Wostok) 2014, 207 S., 15 Euro, ISBN 978-3-932916-61—8.

 

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