Er hat noch ein Cover in Berlin

8. Juni 2014
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Das waren sehr wichtige Jahre. Es war in so vielerlei Hinsicht sehr befreiend für mich, in Berlin zu leben.

 

Bereits seit einiger Zeit musealisiert sich die Pop-Musik. Im Rahmen ihrer Selbstkanonisierung führten die Kraftwerker ihre acht elektronischen Alben in der Düsseldorfer Kunstsammlung auf. „12345678“ lautet diese Werkschau, die vom MOMA übernommen worden ist und an die Londoner Tate Modern weitergereicht wird. In Berlin ist nun David Bowies Vorstellungswelt musealisiert. Vom handgeschriebenen Songtext über die Coverart bis zum Medium Video kann man die Karriere des Briten nachvollziehen.

„David Bowie is“ lautete der Titel der Ausstellung, als sie im vergangenen Jahr  im Londoner Victoria and Albert Museum präsentiert wurde. In Berlin ist sie bis zum 10. August im Martin-Gropius-Bau in einer erweiterten Version nach Berlin kommt. An den Wänden der Ausstellungsräume kann man auch Variationen lesen:

David Bowie is someone else“, „David Bowie is wanting to live“, „David Bowie is Plagiarism or Revolution“

Zu Berlin hat dieses Pop-Camälion eine besondere Beziehung. Von 1976 bis 1978 bewohnte Bowie eine Siebenzimmer-Altbauwohnung in der Hauptstraße 155 im West-Berliner Bezirk Schöneberg. In späteren Interviews, unter anderem bei einer Reportage des deutsch-französischen Fernsehsenders ARTE, bezeichnete er West-Berlin auch als damalige „Welthauptstadt des Heroins“. Bowie hat eine besondere Beziehung zu Deutschland. Es gibt Inselbewohner, die behaupten, Berlin sei niemals besser, aufregender und spezieller gewesen als in den Bowie-Jahren, und Bowie sei nie produktiver, grösser und charismatischer gewesen als in seiner West-Berliner Zeit.

Vielleicht lege ich mir das Image eines Ichs zu.

In den Berliner Hansa-Studios wurde das mit Brian Eno und Tony Visconti eingespielte Album Low aufgenommen, das den ersten Teil der sogenannten Berlin-Trilogie darstellt. Bowie war von deutschen Bands wie Kraftwerk, Cluster, Can oder Neu!, aber auch von Steve Reich beeinflusst. Eigentlich waren die Alben als Experiment geplant, bei denen es nicht um Verkaufszahlen gehen sollte. Trotzdem war die ausgekoppelte Single Sound and Vision ein großer Hit, der in Deutschland bis auf Platz 6 stieg, in England erreichte er sogar Platz 3.

Während die erste Seite der LP von Low eher aus Songfragmenten besteht denn aus ausformulierten Liedern, überrascht die zweite Seite damit, dass sie fast ausschließlich Instrumentalstücke enthält, wie auch der Nachfolger Heroes, der wenige Monate später ebenfalls in Berlin aufgenommen wurde.

Das Album Heroes enthält mit dem gleichnamigen Titelstück eines der bekanntesten Lieder Bowies, das mehrsprachig in Französisch/Englisch und Deutsch/Englisch aufgenommen wurde. Der Text handelt von zwei Liebenden, die sich an einer Mauer küssen. Bowie verarbeitete in dem Song sowohl eigene Beobachtungen, die er in Berlin gemacht hatte, als auch Eindrücke des Expressionismus der 1920er Jahre.

Wenn man in die Ausstellung geht, kann man zwei Werke aus dem Brücke-Museum sehen, worüber wir uns sehr freuen, zwei Werke von Erich Heckel, und in direkter Nachbarschaft hängen Bilder und Zeichnungen von David Bowie. Was die Arbeiten verbindet, ist ein Experimentieren mit ziemlich extremen Posen, in denen die Körper sich befinden, und das sind auch Posen, die David Bowie über die Malerei und Zeichnungen hinaus interessiert haben, wie man dann auch auf Fotostrecken aus der Zeit sieht, oder ganz deutlich auf Covern.

Christine Heidemann

Mit Iggy Pop, der mit Bowie nach Berlin kam und im selben Haus eine Nachbarwohnung bezog, nahm Bowie in Berlin die Alben The Idiot und Lust for Life auf, deren Musik größtenteils von ihm geschrieben wurde. Zudem ging er als Keyboarder mit Iggy Pop auf Tournee. In den Berliner Jahren drehte er auch den Film Schöner Gigolo, armer Gigolo, ein eher unbekanntes Werk der Filmgeschichte – es war Marlene Dietrichs letzter Film.

Für alle, die noch ein Cover in Berlin haben, sollte dies eine Reise wert sein, allen anderen mag ein alter Schlager genügen.

 ***

David Bowie, bis zum 10. August im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin.

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