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19. Februar 2014
Von

Poesie hat keinen Gesellschaftsvertrag mit der Wirklichkeit.

Theodor W. Adorno

Folgt man den Überlegungen der Kulturkorrespondentin Sigrid Löffler in Die neue Weltliteratur und ihre grossen Erzähler, dann handeln die spannendsten Romane der Gegenwart von Migrationsgeschichten. Dies mag für Liebesgedichte nicht weniger gelten. Safiye Can endeckt in diesem Erlebnis das Substrat der künstlerischen Kreativität. Die Autorin knüpft an die Klassiker der osmanischen Lyrik an, indem sie das Prozesshafte der Bewegungen von einer Sprache in die andere überführt und sich die vielfältige Gefühlswelt aneignet. Solche Prozesse prägen Weise die heutige Weltgesellschaft, die von Migrationsströmen im grossen Stil geschaffen und neu erfunden wird. Die Literatur spielt in diesem Prozess eine wichtige Rolle. Mit nichts als den Mitteln der Sprache stellt Can immer neue Regeln auf und stürzt immer neu alle Regeln und alles schon Gewußte um. Dort, wo dies gelingt reicht der Impuls über die Sprache hinaus, kommt die richtigstellende Kraft der Dichtung ins Spiel. Diese Lyrikerin transformiert die Wirklichkeit.

Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche, Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang

Die Topografie der neuen Weltliteratur benennt Löffler mit dem 1990er Jahre-Passus aus der Kunstkritik Hybrid, weil ihre Erzähler zwischen zwei Kulturen leben und aus dieser Spannung ihre neue Identität gewinnen. Die Lyrik von Safiye Can durchschlägt die Zeiten und verbindet einander ferne Räume, und sie verteidigt dem Sinnlichen und dem Unsinnigen seinen Platz in dieser Welt. Gedichte über die Liebe sind schweirig, einerseits praktiziert der Poet die Auflösung der Wirklichkeit im Gedicht, andererseits holt sie aus derselben in selbiges herein. Auf dem schmalen Grat zwischen Euphorie und Traurigkeit wandelnd, gelangen ihr vehemente Weltentwürfe aus Spiegelbildern, Rätseln und Träumen. Es geht dieser Lyrikerin um Sehnsucht und Enttäuschung, um Nähe und Entfremdung und den Versuch, das Amouröse zu versprachlichen. Das Schöne an der Poesie wie an der Liebe ist das inhärente Versprechen, daß da etwas ist im Leben, das nicht aufgeht, das sich nicht bändigen läßt, unaufgelöst bleibt. Diese Gedichte sind Eigen-Sinnigste Lyrik.

***

Safiye Can ist als Kind tscherkessischer Eltern in Offenbach am Main geboren. Sie hat Philosophie, Psychoanalyse und Rechtswissenschaft an der Goethe Universität in Frankfurt am Main studiert, ist Kuratorin der Zwischenraum-Bibliothek im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung und Mitarbeiterin der Horst Bingel-Stiftung für Literatur. Sie leitet Schreibwerkstätten an Schulen, ist ehrenamtliche Mitarbeiterin bei Amnesty International und aktives Mitglied der Vereinigung Türkischsprachiger Schriftsteller Europas (ATYG). Safiye Can übersetzt Literatur aus dem Türkischen ins Deutsche und aus dem Deutschen ins Türkische.

 

Rose-und-Nachtigall_Safiye-Can_Liebesgedichte_Vorwort-Gerhardt-Csejka-Nachwort-Murat-Tuncel-594x1024Rose und Nachtigall von Safiye Can – Mit einem Vorwort von Gerhardt Csejka. Grössenwahn Verlag 2014

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