Der Mann im Aufzug – Eine Nachdenklichkeit

 

Ich bin zu weit gefahren oder ich habe mehr als die Hälfte der Strecke noch vor mir

Heiner Müllers „Auftrag – Erinnerung an eine Revolution“ öffnet in karibischen Farben. Krokodile tauchen aus Verwünschungen auf: „Die Schlangen sollen deine Scheiße fressen, deinen Arsch die Krokodile, die Piranhas deine Hoden.“

Das zu schreiben, hat bestimmt Spaß gemacht. Diese subtropisch trübe Pracht garantiert einem Einschub die Verlegenheit seiner Farblosigkeit. Der Einschub ist eine Vergegenwärtigung des „Auftrags“ auf der Leiste seiner Niederschrift. Die Welt, in der Müller den „Auftrag“ schreibt, sieht an Ecken und Kanten aus wie hier beschrieben. Ein realistischer Rahmen füllt sich mit surrealem Schaum. Man könnte über einen Traum reden, auf einer psychologischen Kreuzung zwischen Franz Kafka und Wilhelm Genazino, insofern man von einem Angestellten-Alptraum reden könnte.

Das wäre naheliegend.

Zur Handlung: Das erzählende Ich steht zwischen Männern „in einem alten Fahrstuhl“. Das ist eine Klapperkiste, ein Seelenverkäufer von einem Lift. Der Erzähler beschreibt sich: „Ich bin gekleidet wie ein Angestellter oder wie ein Arbeiter am Feiertag. Ich habe mir sogar einen Schlips umgebunden, der Kragen scheuert am Hals, ich schwitze. Wenn ich den Kopf bewege, schnürt mir der Kragen den Hals ein.“

Der Erzähler hat einen Termin beim Chef, „in Gedanken nenne ich ihn Nummer Eins“ – und vergessen, in welcher Etage der Chef regiert. Es könnte die vierte sein. Noch vermutlicher, die zwanzigste. Der Erzähler geht davon aus, wo auch immer, nur eben an der richtigen Stelle „einen Auftrag“ zu kriegen, denn sonst.

„Der Auftrag“ im Ganzen als ein Stück aus dem Jahr 1984 handelt von drei temporär republikanischen Brandstiftern, ihren Namen nach heißen sie Debuisson, Galloudec und Sasportas. Debuisson, Galloudec und Sasportas sollen in revolutionärer Absicht einen Aufstand der unter Zwang eingeführten Bevölkerung von Britisch-Jamaika lostreten. Die Delegierten des französischen Konvents erfahren dann, dass die Revolution von Napoleon für beendet erklärt wurde. Nach dem 18. Brumaire 1799 steht fest: „Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Sie ist bankrott“.

„Die Freiheit trägt jetzt Uniform“ und Debuisson, Galloudec und Sasportas haben keinen Auftrag mehr. Das führt zu interessanten Gesprächen über das „Joch der Freiheit“ und ein „Heimweh nach dem Gefängnis“.

Der Erzähler in der Gegenwart des Autors trabt bei weitem nicht so hoch. Wie gesagt, er könnte sein Desaster nur träumen hinter einem Fenster aus Marzahn. „Die Lebenslüge des Zusammenhangs“, so Müller, „findet im Traum nicht statt“, so die Müller-Spezialistin Kristin Schulz. Das ist eine Spur, doch ist der Leser so frei wie der Autor und sollte aus seiner Autonomie etwas machen. Also, nicht immer nur Traum und verfremdete Wirklichkeit und surreale Allusion.

Im Fahrstuhl gerät die Zeit ins Schlingern. Der Erzähler verpasst den Ausstieg im vierten Stock. Schon läuft er Gefahr, zu spät zu kommen. Er erwägt, bei nächster Gelegenheit auszusteigen – und im Treppenhaus zur Rechtzeitigkeit aufzuschließen. Sein Dilemma: „Ich kann beim nächsten möglichen Halt aussteigen und die Treppe hinunterlaufen, drei Stufen auf einmal, bis zur vierten Etage. Wenn es die falsche Etage ist, bedeutet das natürlich einen vielleicht uneinholbaren Zeitverlust. Ich kann bis zur zwanzigsten Etage weiterfahren und, wenn sich das Büro des Chefs dort nicht befindet, zurück in die vierte Etage, vorausgesetzt der Fahrstuhl fällt nicht aus, oder die Treppe hinunterlaufen (drei Stufen auf einmal), wobei ich mir die Beine brechen kann oder den Hals, gerade weil ich es eilig habe.“

Der Auftrag wächst sich in den Spekulationen des Erzählers ins Riesenhafte aus.  Schließlich verlässt er den Fahrstuhl: Ich „stehe ohne Auftrag, den nicht mehr gebrauchten Schlips immer noch lächerlich unter mein Kinn gebunden, auf einer Dorfstraße in Peru.“

Der Fahrstuhl als Flugzeug in die Freiheit. Der Lift als Legitimation. Der Aufzug als Umzug. Zu denken ist an die Limitierung der Reisefreiheit für die Sterblichen der DDR.

Der Erzähler entdeckt sich in einer Max Ernst-Landschaft. Die Gegend greift nach dem Himmel, Müller schreibt wie Jünger, wenn dieser Ernst seine „Illuminationen“ im Text konzentriert, um das letzte Wort zu behalten. Heimweh nach dem Fahrstuhl kommt auf, das variiert das „Heimweh nach dem Gefängnis“.

Der Erzähler gerät in eine Krise. Er hat nichts Unerlaubtes getan und ist doch im Unerlaubten gelandet, „ohne Flugzeug und Fallschirm.“

„Wer kann mir glauben, daß ich aus einem Fahrstuhl nach Peru gelangt bin?“

Die Staatssicherheit bestimmt nicht. Der Erzähler beschwört seine Legitimationskrise, er hat keinen Auftrag, den Chef wähnt er im Selbstmord verschieden. Eine Frau kreuzt seinen Weg, selbstverständlich „entblößt (sie) ihre Brüste“. Kinder sitzen mit vergeblicher Mühe im Genick einer Schienenmaschine: „Arbeit ist Hoffnung“ – und „Zeit ist Frist“. Jetzt kann nur noch der andere kommen, „der Doppelgänger mit meinem Gesicht aus Schnee“,  und es darauf ankommen lassen.

Müller holt den Gegenstand des „Auftrags“ in seine Gegenwart und verwandelt seine Gegenwart in einen utopischen Raum. In diesem Raum können Fahrstühle fliegen.

 

 

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