Ein Hochamt der Poesie im alten Westen von Berlin

 

Es ist schwül in Charlottenburg, fast tropisch. Die Leute tropfen in die Autorenbuchhandlung. Sie dient einer S-Bahn als Untergrund und wird ständig erschüttert wie eine Blues Brothers-Absteige. Der alte Westen findet sich ein mit seinen siebzigjährigen Jungfrauen in Miniröcken.

Hanser Berlin-Chefin Elisabeth Ruge macht den Abend auf mit launischen Bemerkungen, in denen Erinnerungen an Vertreterkonferenzen abgeschöpft werden. Sie sagt: „Die Vorauszahlungen für Lyrikbände sind beschämend“.

Sie erinnert an ihren Vater, der zu Gedichten als etwas Auswendigem riet. „Wenn du denn ins Gefängnis kommst, Kind,“ so sagte der Vater zur Elisabeth, „wird dir das nutzen“. – Zur geistigen Druckbetankung.

Die Elevin hörte Richard Burton Thomas Dylan aufsagen, die Konserve war noch Schallplatte, sie prägte sich ein auf einer Rille im Gehirn.

Elisabeth Ruge ist ja nie ins Gefängnis gekommen – und jetzt sitzt sie so da in dieser Buchhandlung als seien die Dichter ihre dürftig alimentierten Zöglinge. Nein, so sehen die Dichter nicht aus. Sie sehen gut aus, so wie Motoren der Poesie aussehen müssen, so ein bisschen ausgefallen, aber nicht zu sehr. Jan Wagner beschwört die lyrische Potenz einer Nase, er weiß: „Die Grille kratzt kein Krieg“.

Ja, Gedichte machen glücklich. Sie sind Grund für Festivals. Man könnte mit Gedichten noch einmal von vorn anfangen – und Nora Bossong sagt: „Es gibt keine Gedichte, es gibt sie nur zufällig“. In ihrem „Hügelgewächs“ „füllen sich Täler mit Dorffesten“. Sie liest auch ein Auberginengedicht, Obst und Gemüse in einem Raum, der bebt unter seiner Bahn. Eine „vergreiste Putte war so grau, als hätte Luther selbst sie noch gekannt“.

„In der Prosa bleibt die Sprache auf der Strecke“, sagt Nora Bossong.

„Es gibt keine Grabenkämpfe mehr zwischen narrativ und abstrakt“, sagt Jan Wagner.

„Vielleicht fehlen die, sonst kriegt man doch nur Lyrikminestrone“, sagt Björn Kuhligk. Elisabeth Ruge sagt ihm eine „Rebellion beim Besingen der Apfelblüten“ nach. Björn Kuhligk schreibt jetzt Naturgedichte, als Entdecker erdgeschichtlicher Selbstverständlichkeiten. Er versendet Grüße aus dem Hochmoor, erzählt von „schnellen Ameisen“, die sich als „rasende Blätter“ tarnen.

„Von einem deutschen Acker darf nie wieder ein Wie-Vergleich ausgehen“ meldet Björn Kuhligk in „Die Stille zwischen null und eins“. Darin wird Müll auf den Mount Everest geschafft, Tote, so wie „der blaue Bill“ markieren den Weg zum Gipfel.

Die Natur als Reservat für den späten Kuhligk – und Jan Wagner hantiert mit bäurischen Begriffen. Er bringt Wörter in Umlauf, die aus unserer Zeitzone geglitten sind. Im Sortiment erfundener Dichter finden sie eine neue Heimat: Gickel, Gosche, Wamsen, aber mit Schmackes und ohne zu Zimpern. – „Ich Muse und Melkerin“ heißt eine ausgedachte Biografie: „Der Vater wurde noch gewamst/ das Schulbuch war seine Rechte“.

Jan Wagner nötigt „den sanften Zwang zur Form:“ ihn zu befreien. Andere streben zur Formlosigkeit.

„Alles geht“, sagt Björn Kuhligk. Der Dichter fährt fort: „Es gibt keinen Markt und kein Publikum, dessen Erwartungen erfüllt werden könnten“. – Als Einladung zur Korruption. Jan Wagners Sonettunterwanderungen koinzidieren mit Kuhligks Wanderungen in der Mark Brandenburg und dem subtropischen Schenkelfleisch an Ort und Stelle.

 

 

Weiterführend → Poesie zählt für KUNO weiterhin zu den identitäts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer poetologischen Positionsbestimmung.