Aufforderung zu Dagegenandenken

18. Mai 2013
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Da sich KUNO in diesem Jahr einen Schwerpunkt auf ‚Twitteratur’ legt, stellen wir in loser Folge gerne Aphorismen vor. Diese Form ist streng, und gerade diese Strenge erweist sich als ungemein befruchtend, ein Prozess der Reduktion und Dekonstruktion, der unverhofft zu neuen Sinnverknüpfungen und Einsichten führt. Was  an Wolfgang Mockers Haltung auffällt, ist seine Selbstironie, die sich nicht nur in einem Untertitel wie Euphorismen und andere Anderthalbwahrheiten ausdrückt. Charmanter läßt sich die Findung der eigenen Bestimmung als Autor kaum ausdrücken:

„Anfang der 70er Jahre schrieb ich schlechte Gedichte. Einige hatten gute Pointen. Ich ging dazu über, nur noch die Pointen aufzuschreiben, und erfuhr, daß man so was Aphorismen nennt.“

Der Preis dafür, dass wir fast alles kaufen können: dass wir fast alle käuflich sind.

Wolfgang Mocker hat lange als Autor für den Eulenspiegel gearbeitet. Diese satirische Schärfe merkt man seinen Aphorismen an. Es steht kein Trost mehr in der Sichtachse, echter oder falscher, der Blick aufs Ende wird beängstigend frei. Er nannte Lichtenberg, Kraus und Lec als aphoristische Vorbilder. Und hinter diesen Autoren braucht er sich keineswegs zu verstecken.

Das Leben ist der Bau eines Hauses, das pünktlich zum Richtfest abgerissen wird.

Jean Améry

Zukunft gibt es zu jeder Zeit; aber man denkt sich je etwas Verschiedenes dabei. Der KUNO Rezensent Tobias Grüterich hat mit Zwischen den Zwängen einen schlüßigen Band des leider zu früh gestorbenen Mocker zusammengestellt. Von den 212 Aphorismen sind fast die Hälfte aus dem unveröffentlichten Nachlass erstmals der Leserschaft zugänglich. In ihrer Mittelbarkeit, in den semantischen Ketten, die diese Aphorismen auslösen, liegt ihr Reiz.

Die organisierte Kriminalität ist rückläufig. Das heißt, sie ist jetzt noch besser organisiert.

Die Zeit der anderen Auslegung wird anbrechen, heißt es in Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Auch Wolfgang Mocker beschreibt eine Gesellschaft im Umbruch. Diese resümierende Verlorenheit, Entwurzelung läßt sich auf anderer Ebene auch als Heimkehr der Nachkommen lesen, Söhne oder Enkel, die nichts mehr vorfinden vom Land ihrer Väter. Zwischen den Zwängen gewährt den optimalen Einstieg in ein Werk, das im Laufe von 30 Jahren entstand. Für alle Kenner ist es eine aufregende Wiederbegegnung mit einem Meister seines Fachs.

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Wolfgang Mocker, Zwischen den Zwängen, mergard 2013

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