Während die Musikindustrie den Schutt der Kulturgeschichte als glänzende Souvenirs verkaufte, wühlten Poison Ivy und Lux Interior im staubigen Dreck des Psychobilly. The Cramps dekonstruierten den glatten Mythos des Pop. Sie machten Trash zu einer Kunstform.
Wer diese Musik hört, tankt keinen Treibstoff; er nimmt das Blei der fünfziger Jahre direkt in die Adern auf. Die frühen Cramps verzichteten auf einen Bass. Der Sound lebte stattdessen vom Zusammenspiel zwischen Poison Ivys Rhythmus-/Leadgitarre und Bryan Gregorys genial-primitivem Feedback-Lärm. Diese raue, minimalistische Ur-Energie, getrieben von einem minimalistischen Schlagzeug, fängt diese Compilation makellos ein. The Cramps betreiben keine Archäologie; sie betreiben Grabraub am eigenen Jahrhundert. Sie haben den Leichnam des Rockabilly nicht exhumiert, um ihn auszustellen, sondern um ihm mittels galvanischer Ströme – erzeugt aus billigem Garagen-Fuzz und dem Hallraum einer verlassenen psychiatrischen Anstalt – ein mechanisches Scheinleben einzuhauchen. „Off the Bone“ ist das Logbuch dieser Elektrifizierung.
Die Gitarre von Poison Ivy ist kein Instrument, sondern ein chirurgisches Besteck aus verrostetem Chrom. Jeder Riff schneidet das Fleisch vom Versprechen der Nachkriegsmoderne.

“I’m the queen of Rock ’n‘ Roll, and for this not to be recognized is pure sexism.” (Poison Ivy) Foto: Jorge Correa
Man sollte die Erfindung des Rock ’n’ Roll als eine Katastrophe begreifen, deren Trümmer uns sollte als glänzende Souvenirs verkauft werden. The Cramps aber hassen das Souvenir. Sie lieben den Schutt. In Stücken wie „Human Fly“ wird das Summen einer Fliege zum metaphysischen Skandal: Der Mensch ist sich selbst zur lästigen Plage geworden, gefangen im eigenen unsauberen Gehäuse. „Off the Bone“ sammelt diese Trümmerstücke nicht für das Museum, sondern für den Schwarzmarkt der Triebe.
Die Stimme von Lux Interior gleicht dem Husten eines Vampirs, der zu viel Weihwasser geschluckt hat. Ein rituelles Stammeln, das die Grenze zwischen sexuellem Begehren und dem Entsetzen vor dem eigenen Verfall aufhebt.
Die Ästhetik dieser Kompilation verhält sich zur zeitgenössischen Popmusik wie das grelle Plakat einer Jahrmarktsbude zur sterilen Architektur einer Bank. Das 3D-Cover der Erstpressung verlangte nach einer Brille mit roten und grünen Gläsern – ein optisches Instrument, das dem Hörer klarmachte: Die Wahrheit ist nur im verzerrten Tiefensehen des Schunds zu ertragen. Was hier glänzt, ist nicht das Gold der Kunst, sondern der Schleim des B-Movies.
Das Repertoire: Abfälle der Kulturindustrie (Surfin‘ Bird, Goo Goo Muck), die im Keller der Cramps zu Fetischen einer geheimen Religion umgeschmiedet wurden.
Man muss die Erfindung des Rock ’n’ Roll als eine Katastrophe begreifen, deren Trümmer den Hörern heute als glänzende Souvenirs verkauft werden. The Cramps aber hassen das Souvenir. Sie lieben den Schutt. In Stücken wie Human Fly wird das Summen einer Fliege zum metaphysischen Skandal: Der Mensch ist sich selbst zur lästigen Plage geworden, gefangen im eigenen verschmutzten Gehäuse.
„Off the Bone“ sammelt diese Trümmerstücke nicht für das Museum, sondern für den Schwarzmarkt der Triebe.
Wenn die Erdscheibe bebt, dann unter dem dumpfen, primitiven Beat von Nick Knox. Es ist ein Rhythmus, der nicht nach vorne weist, in eine befreite Zukunft, sondern nach unten – in die vorderste Schicht des Schlamms. New Kind of Kick ist das Manifest einer Generation, die begriffen hat, dass der einzige Ausweg aus der Langeweile der bürgerlichen Existenz im kontrollierten Absturz liegt. The Cramps haben dem Pop die Transzendenz genommen und ihm dafür das Skelett zurückgegeben.
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Off the Bone, The Cramps, die CD-Neuauflage erschien am 13. April 1998

Das 3D-Cover des 1983 erschienenen Albums „Off the Bone“ von The Cramps wurde von dem britischen Illustrator und Künstler Graham Humphreys gezeichnet.
Wer nachvollziehen will, wie der ureigene Sound der Cramps entstanden ist, findet auf dieser sinnvoll edierten Zusammenstellung die perfekten Blaupausen. Musikalisch lehnte sich der Stil der Band an den frühen Rock ’n’ Roll an und griff Elemente des Doo Wop, des Rockabilly, des Rhythm and Blues sowie der Surf- und der Country-Musik auf. Off the Bone ist kein reguläres Studioalbum, sondern die erste Compilation der Band. Kuration wird hier zur Kunstform: Es macht den ureigenen Sound und das musikalische Konzept einer Band deutlicher greifbar als die verstreuten Originalveröffentlichungen. Off the Bone enthält die wichtigsten Singles und Meilensteine ihrer prägenden Jahre (1977–1981). Statt sich durch einzelne frühe Singels und EPs wie etwa Gravest Hits zu hören, bekommt der Zuhörer hier die Quintessenz dieser Combo auf einem einzigen Album. Hier findet sich eine perfekte Symbiose von „Psychobilly“ und Trash. Nirgends wird das musikalische Konzept der Band so deutlich wie hier. Poison Ivy und Lux Interior erschufen eine ganz eigene Welt aus Monster-B-Movies, Fetischismus und Rock & Roll. Die Songs auf Off the Bone zeigen die Band auf dem Höhepunkt dieser kreativen Freakshow-Vision.
Weiterführend → Dem Begriff Trash haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer öffentlichen Institution. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte Seine größten Erfolge, produziert von Helge Schneider und Tom Täger im Tonstudio/Ruhr. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsmöglichkeiten von populärkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay Perlen des Trash stellt diese Reihe ausführlich vor. Luther Blissett beschreibt den Weg von Proust zu Pulp.