Recorded Live von Ten Years After ist kein Album; es ist das Logbuch einer permanenten Explosion. Wer diesen Saound hört, blickt nicht in eine Landschaft, sondern durch die Windschutzscheibe eines Rennwagens, dessen Bremsen versagt haben.
Die Gibson-Gitarre Alvin Lees fungiert nicht mehr als Instrument des Ausdrucks, sondern als Maschinenteil. Seine Finger auf dem Griffbrett sind die Kolben eines Motors, der die kritische Drehzahl längst hinter sich gelassen hat. Wo der Blues einst die schwere Langsamkeit des ländlichen Leids besang, wird er hier, im Raum der technischen Reproduzierbarkeit, zur reinen Beschleunigung umgeschmiedet. Es ist die Mechanisierung der Melancholie: Der Schmerz wird nicht mehr beweint, er wird beschleunigt, bis er glüht.
Der technische Unterschied offenbart die veränderte Ökonomie der Musik. Das Fillmore East fing ein flüchtiges Ereignis auf zwei Abenden im Theater ein. Recorded Live hingegen wird von der Rolling Stones Mobile Unit verfolgt.
Der Zuhörer, der vor den Lautsprechern verweilt, tankt hier keine Kraft für den Alltag. Er wird von der Geschwindigkeit verzehrt. Diese Musik spendet keinen Trost; sie fordert den Tribut des Verschleißes. Der Rhythmus ist das unerbittliche Ticken eines Taxameters der Energie. Jedes Solo ist eine Flucht nach vorn, bei der das Ziel irrelevant wird, weil nur noch die Bewegung selbst existiert.
Im Fillmore East hören wir eine Band, die den Blues dekonstruiert. Stücke wie Willie Dixons „Spoonful“ oder die ausladenden Cover von Chuck Berry zeigen Musiker, die das alte Material biegen und dehnen. Es ist die Phase der Elektrifizierung. Drei Jahre später auf Recorded Live ist aus der Elektrifizierung eine totale Automation geworden. Die Improvisationen sind zwar länger, aber sie folgen den Gesetzen der Hydraulik. Alvin Lees Soli sind nicht mehr flüssig, sie sind gestanzt. Jeder Anschlag ist das Niederfahren eines mechanischen Stempels.
Wo 1970 noch Blues-Melancholie mitschwang, herrscht 1973 der reine, kompromisslose Rhythmus des Boogie-Rock
Im Zeitalter der Hochgeschwindigkeit verliert der Blues seine Erdung. Er lagert sich nicht mehr in den Sümpfen des Mississippi ab, sondern verpufft als Abgas über dem Asphalt der Metropolen. Recorded Live dokumentiert das exakte Gelingwerk dieser Transformation: Die Melodie ist tot, es lebe der Takt der Maschine.
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Recorded Live von Ten Years After, 1973
Weiterführend → Rhythm & Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. KUNO betrachtet die Cowboy Junkies als Geburtshelfer der Americana. Weiterführend eine Denkübung zum tiefgründigen Folk-Song: Both Sides Now. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosphäre einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie Dr. John. Die Delta-Blues-Progression des Captain Beefheart muss dahinter nicht zurückstehen, eine gute Einstimmung für sein Meisterwerk Trout Mask Replica. Wir lauschen der ungekrönten Königin des weißen Bluesrock. Und dem letzten Werk der Doors. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom Memphis Slim. In der Reihe mit großen Blues-Alben hören wir den irischen Melancholiker. Lauschen dem Turning Point, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den Swordfishtrombones, von Tom Waits und den Circus Songs von den Tiger Lillies. Und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter Blueser?