Der Blues, der die Docks von Chicago auf den Dampfern der Great Migration erreichte, war schwer von der Feuchtigkeit des Mississippi-Deltas und dem Ruß der Fabrikschlote. Als er den Atlantik überquerte, um in den Vorstädten von London und Nottingham anzulanden, passierte er eine unsichtbare Grenzkontrolle. Die britischen Jungs von Ten Years After konfiszieren das emotionale Reisegepäck von Muddy Waters und Willie Dixon nicht, um es zu bewahren, sondern um es umzudeklarieren. Der Chicago-Blues war die Chronik des Überlebens; der britische Blues im Fillmore East wird zur Demonstration der puren Elektrizität. Es ist ein Schmuggelgut, das auf dem Transportweg seine Schwermut verlor und dafür eine unheimliche Beschleunigung gewann.
Wo Chicago die feinen Nuancen des Schmerzes kultivierte, rasiert die britische Invasion die Zwischentöne radikal weg. Übrig bleibt die nackte, vibrierende Skalpierung des Rhythmus.
Die Musik von Ten Years After im Fillmore East ist kein Strom, der fließt, sondern ein Treibstoff, der explodiert. Alvin Lees Finger auf dem Griffbrett der Gibson-Gitarre sind die Kolben eines Motors, der die kritische Drehzahl längst überschritten hat. Wo der Blues einst die Langsamkeit des ländlichen Leids besang, wird er hier in der Metropole zur reinen Beschleunigung. Es ist die Mechanisierung der Melancholie. Der Zuhörer tankt nicht Kraft, er wird von der Geschwindigkeit verzehrt.
Im Fillmore East, vor den Augen der weißen amerikanischen Jugend, betreiben Ten Years After eine radikale Währungsreform. Sie zahlen in der harten, unbarmherzigen Währung des Virtuosity-Kapitalismus.
An den Wänden des Fillmore East hängen die Chiffren einer Epoche, die im Begriff ist, ihre eigene Unschuld zu überleben. Das Jahr 1970 hat begonnen. Woodstock ist nur noch ein Zelluloidstreifen, eine verblasste Erinnerung an den Schlamm und die Utopie. Auf der Bühne in New York wird der Blues nicht mehr zelebriert, sondern seziert. Die Plakate draußen künden von einer Zukunft, die wie die Soli von Ric Lee und Leo Lyons im unerbittlichen Takt der Großstadt zerhämmert wird. Die Ekstase ist käuflich geworden, ordentlich gepresst als Album.
Chick Churchills Orgel und Ric Lees Schlagzeug brechen das Erbe von Howlin‘ Wolf in rasant steigende Aktienkurse auf.
Die Scheinwerfer werfen psychedelische Muster an die Decke, doch das eigentliche Lichtspektakel findet im Dunkeln der Rhythmusgruppe statt. Chick Churchills Orgelteppich bildet das Fundament, auf dem die Sekunden zersplittern. Jeder Akkord ist ein Blitzlicht, das die Gesichter der Menge für den Bruchteil eines Augenblicks aus der Anonymität reißt. Man sieht keine tanzenden Hippies mehr; man sieht Suchende, die im Gewitter der Verstärker nach einem Halt verlangen, den die Dekade ihnen verweigert.
Wenn die Band „Spoonful“ intoniert, wird die ursprüngliche, bedrohliche Sinnlichkeit von Willie Dixons Komposition in ein kaltes, glänzendes Chromgerüst gegossen. Es ist die Transformation des organischen Leidens in eine ästhetische Maschine aus Draht und Dezibel.
Der Auftritt kennt nur eine Richtung: vorwärts, ohne Rückspiegel. Das Tempo, das Alvin Lee vorgibt, duldet keinen Widerspruch und keine Umkehr. Es ist das musikalische Äquivalent zur modernen Verkehrsstraße, auf der das Bremsen den Zusammensturz bedeutet. Die Noten jagen einander wie Automobile zur Hauptverkehrszeit, Stoßstange an Stoßstange, bis sie im Finale von „Help Me“ in einer glorreichen Katastrophe aus Feedback und Applaus ineinanderkeilen. Zurück bleibt das Summen in den Ohren – das bleibende Denkmal einer flüchtigen Nacht.
***
Live at the Fillmore East, von Ten Years After, 1970

Es gibt ein Leben nach Woodstock
Weiterführend → Rhythm & Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. KUNO betrachtet die Cowboy Junkies als Geburtshelfer der Americana. Weiterführend eine Denkübung zum tiefgründigen Folk-Song: Both Sides Now. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosphäre einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie Dr. John. Die Delta-Blues-Progression des Captain Beefheart muss dahinter nicht zurückstehen, eine gute Einstimmung für sein Meisterwerk Trout Mask Replica. Wir lauschen der ungekrönten Königin des weißen Bluesrock. Und dem letzten Werk der Doors. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom Memphis Slim. In der Reihe mit großen Blues-Alben hören wir den irischen Melancholiker. Lauschen dem Turning Point, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den Swordfishtrombones, von Tom Waits und den Circus Songs von den Tiger Lillies. Und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter Blueser?