Die Kunst der Reduktion

Das Album „Trios“ von Carla Bley ist ein Meisterwerk der Reduktion und des tiefen musikalischen Einvernehmens. An der Seite von Steve Swallow (Bass) und Andy Sheppard (Saxophon) destilliert die Pianistin und Komponistin ihre charakteristischen, vielschichtigen Suiten zu einer intimen, transparenten und emotional zutiefst berührenden Kammermusik.

Carla Bley, NDR Jazzworkshop 1972 (Foto: Heinrich Klaffs)

 

Carla Bley wurde als Pionierin des Modern Jazz und durch ihre opulenten Big-Band-Arrangements berühmt, auf diesem Album wählt sie einen gegensätzlichen Weg. Von Manfred Eicher in Lugano produziert, lassen Pianistin Carla Bley, Saxophonist Andy Sheppard und Bassist Steve Swallow klassische Bley-Kompositionen in neuen Versionen wieder aufblühen. So sind hier beseelte neue Fassungen von „Utviklingssang“, „Vashkar“ und die Suiten „Les Trois Lagons“, „Wildlife“ und „The Girl Who Cried Champagne“ enthalten. Diese robusten Stücke werden hier äußerst lebendig präsentiert, alle drei Musiker solieren inspiriert. Ohne Schlagzeug oder Perkussion entsteht ein völlig offener Klangraum, der den Instrumentalisten eine immense Freiheit lässt. Dennoch büßt die Musik nichts von Bleys typischer harmonischer Raffinesse und ihrem feinsinnigen Witz ein.

Bley präsentiert sich als uneitle, höchst präzise und souveräne Pianistin, die jeden Ton bewusst setzt und ihre eigenen Kompositionen aus neuen Perspektiven beleuchtet.

Das Album Trios ist ein Paradoxon des modernen Jazz: Es ist ein Monument der Reduktion, das gerade durch das Weglassen von Ballast eine immense kompositorische Dichte entfaltet. Zusammen mit ihrem langjährigen Lebens- und Musikpartner Steve Swallow am E-Bass und dem britischen Saxophonisten Andy Sheppard transformiert die Pianistin, Komponistin und Bandleaderin ihre historisch oft großformatigen, komplexen Suiten in eine transparente, intime Kammermusik. Das Album bricht mit den klassischen Konventionen des Jazz-Trios – es gibt kein Schlagzeug, keinen traditionellen Kontrabass –, um Platz für eine einzigartige Klangästhetik zu schaffen, die von sardonischem Humor, struktureller Umkehrung und tiefem musikalischen Einvernehmen lebt. Mit seinem unverwechselbaren, lyrisch singenden Bassspiel übernimmt Steve Swallow die tragende harmonische und rhythmische Säule. Er füllt den Raum so geschickt aus, dass ein Schlagzeuger zu keinem Zeitpunkt vermisst wird. Ob am Tenor- oder Sopransaxophon, Andy Sheppard steuert die melancholischen, sehnsuchtsvollen Klangfarben bei, die sich perfekt in das Geflecht einfügen.

Das Album enthält Neubearbeitungen von ikonischen Bley-Stücken, die zuvor oft für größere Ensembles geschrieben wurden. Herausragend ist die Interpretation des Klassikers Utviklingssang sowie die epischen, oft mehrteiligen Suiten Les Trois Lagons (d’après Henri Matisse), Wildlife und The Girl Who Cried Champagne. Diese Stücke blühen in dem reduzierten Gewand regelrecht auf. Sie gewinnen durch die kammermusikalische Nähe an Emotionalität, Transparenz und erzählerischer Tiefe.

Bleys Klavierspiel auf Trios ist eine Lektion in Ökonomie. Sie spielt nicht einen Ton zu viel. Ihre Akkorde sind oft spröde, unkonventionell geschichtet und von Pausen durchsetzt, die genauso viel Gewicht haben wie die gespielten Noten. Diese bewusste Reduktion lässt Komplexes einfach erscheinen. Hinter scheinbar schlichten, fast liedhaften Melodien verbergen sich vertrackte harmonische Wendungen. Umgekehrt bricht sie hochkomplexe, avantgardistische Strukturen so weit herunter, dass sie eine unmittelbare, emotionale Zugänglichkeit erlangen. Andy Sheppards Tenor- und Sopransaxophon schmiegt sich perfekt in diese Ästhetik ein; sein Ton ist warm, lyrisch und frei von technischer Effekthascherei. Er füllt die von Bley gelassenen Freiräume mit einer melancholischen Eleganz.

Das Album „Trios“ ist ein intimes Kammerspiel auf allerhöchstem Niveau. Es zeigt, wie großartig Jazz sein kann, wenn technische Brillanz, kompositorische Meisterleistung und blindes musikalisches Vertrauen aufeinandertreffen. Ein Album, das die Essenz aus Carla Bleys Schaffen destilliert und zu einem Hörerlebnis macht.

Durch die radikale Verkleinerung des Klangkörpers legt Carla Bley das emotionale und strukturelle Skelett ihrer Musik frei. Das Album beweist, dass wahre Originalität und Größe im Jazz nicht durch monumentale Lautstärke oder solistische Raserei entstehen, sondern durch die Meisterschaft des Weglassens und das blinde, fast telepathische Verständnis dreier Ausnahmemusiker. Trios ist somit weit mehr als eine Werkschau im Kleinformat. Es ist das Destillat eines Lebenswerks.

 

 

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Trios von Carla Bley, ECM 2013

Weiterführend Carla Bley wurde durch ihre unkonventionelle und originelle Art zur Ikone. Sie brachte sardonischen Humor und neue Sounds in den Jazz, hielt an Konventionen fest, indem sie sie brach, und ließ Komplexes einfach und Einfaches komplex erscheinen. Sie verband unkonventionelle Harmonien mit einer ebenso unkonventionellen, beinah originellen Instrumentierung. Zusammen mit ihrer Vorliebe für humorvolle und ironische Elemente führte dies zu einer einzigartigen Klangästhetik in ihrem Soundkosmos. Ihr Album Escalator Over The Hill führt uns vor Ohren, dass Improvisation ein gesellschaftspolitisches Idealmodell ist.

Die  Veröffentlichung des Albums Big Band Theory markiert einen entscheidenden Moment im Werk der amerikanischen Komponistin, Pianistin und Bandleaderin Carla Bley.