Vor 50 Jahren starb Kurt Weill. Wir erinnern uns an ihn, wenn wir das Tribute-Album „Lost In The Stars“ auflegen. Es markiert einen radikalen Wendepunkt in der Rezeption des deutsch-amerikanischen Komponisten.

Kurt Weill und Lotte Lenya, 1942
Bis zu diesem Zeitpunkt war Weills Werk in der breiten Öffentlichkeit oft auf die klassische Interpretation der Moritat von Mackie Messer reduziert. Doch unter der visionären Federführung des Musikproduzenten Hal Willner entstand ein komplexes, stilübergreifendes Meisterwerk. Es katapultierte die raue Theaterästhetik der Weimarer Republik und die Eleganz der Broadway-Ära mitten in die vitale New Wave- und Post-Punk-Szene der 1980er-Jahre.
Willners Konzept basierte darauf, das akademisch Staubige aus Weills Kompositionen zu fegen. Er setzte stattdessen auf eine gewagte, eklektische Mischung aus Interpreten, die auf den ersten Blick keinerlei gemeinsamen Nenner besaßen. Rock-Ikonen, Jazz-Pioniere und Avantgarde-Künstler trafen aufeinander, um die inhärente Modernität der Musik freizulegen. Die Magie des Albums liegt genau in diesem bewussten Stilbruch: Die Songs wurden nicht einfach gecovert, sondern dekonstruiert und im musikalischen Zeitgeist von 1985 neu zusammengesetzt.
Ein herausragendes Beispiel hierfür ist die Interpretation des September Song durch Lou Reed. Reed entzieht dem Stück jegliche traditionelle Broadway-Romantik. Mit seinem charakteristischen Sprechgesang und einer minimalistischen, kantigen Gitarrenbegleitung verwandelt er die Ballade in eine düstere, fast existenzialistische Reflexion über das Altern. Es klingt nicht mehr nach den schillernden Lichtern New Yorks, sondern nach den verregneten, harten Straßen der Lower East Side.
Gleichermaßen meisterhaft bricht Tom Waits mit What Keeps Mankind Alive? (aus der Dreigroschenoper) in die Szenerie ein. Seine unnachahmlich raue, vom Whiskey gezeichnete Stimme, untermalt von einem rumpelnden, fast mechanischen Kabarett-Arrangement, fängt den bitteren, zynischen Ton von Bertolt Brechts Lyrik perfekt ein. Es wird deutlich: Weills Musik war schon immer Punk, lange bevor es den Begriff überhaupt gab.
Das Album schafft es, Weills zwei kreative Lebensphasen – das zerrissene Berlin der Zwischenkriegszeit und das Exil in den USA – homogen miteinander zu verknüpfen. Während Künstler wie Dagmar Krause mit Surabaya Johnny die europäische, expressionistische Tradition wahren, öffnen Beiträge wie der Titeltrack Lost in the Stars von der Jazz-Pionierin Carla Bley und dem Saxophonisten Phil Woods das Tor zum epischen, amerikanischen Breitwand-Sound. Auch Pop-Größen wie Sting (The Ballad of Mac the Knife) oder New-Wave-Stimmen wie Richard Butler von The Psychedelic Furs (Alabama Song) fügen sich nahtlos in dieses orchestrale, avantgardistische Puzzle ein.
Aus historischer Sicht fungierte das Album als wichtiger Katalysator. Es bewies, dass Weills Melodien und die politischen Texte Brechts zeitlos, anpassungsfähig und universell sind. Hal Willner schuf kein nostalgisches Museumsstück, sondern ein lebendiges, atmendes Dokument der Popkultur, das nachfolgende Generationen von Musikern maßgeblich beeinflusste.
Lost In The Stars bleibt bis heute einer der funkelndsten Meilensteine in der Geschichte der Tribute-Alben. Es zeigt eindrucksvoll, dass wahre Kunst keine Genregrenzen kennt – sie verliert sich nicht in den Sternen, sondern leuchtet durch sie hindurch.
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Lost In The Stars – The Music Of Kurt Weill, compiliert von Hal Willner, 1985

Weiterführend → Der Musikkritiker Ben Watson bezeichnet „Zappas Mothers of Invention“ als „politisch wirksamste musikalische Kraft seit Bertolt Brecht und Kurt Weill“ wegen deren radikalem, aktuellen Bezug auf die negativen Aspekte der Massengesellschaft. So besehen war Frank Zappa neben Carla Bley einer der bedeutendsten und prägendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts.