Die Dekonstruktion des Big-Band-Jazz

Die  Veröffentlichung des Albums Big Band Theory markiert einen entscheidenden Moment im Werk der amerikanischen Komponistin, Pianistin und Bandleaderin Carla Bley.

Erschienen auf ihrem eigenen Label WATT (vertrieben durch ECM), bricht das Album radikal mit den traditionellen Erwartungen an ein großformatiges Jazz-Ensemble. Anstatt die gängigen Klischees der Swing-Ära oder des klassischen Post-Bop zu reproduzieren, nutzt Bley die Big Band als Instrument der Parodie, der strukturellen Dekonstruktion und der emotionalen Tiefenschärfe. Big Band Theory ist kein bloßes Nostalgieprojekt, sondern eine avantgardistische Abhandlung über die Möglichkeiten und Grenzen orchestraler Jazzmusik am Ende des 20. Jahrhunderts.

Schon der Titel des Albums offenbart Bleys typischen, doppelbödigen Humor. Er spielt einerseits auf die kosmologische Urknall-Theorie („Big Bang Theory“) an und verweist damit auf die explosive, dynamische Energie des 18-köpfigen Ensembles. Andererseits deklariert er das Werk als eine theoretische Auseinandersetzung mit der Gattung Big Band selbst. Bley, die zeitlebens als Autodidaktin agierte und sich formalen Konventionen verweigerte, nähert sich dem Apparat der Big Band mit der Neugier einer Forscherin und dem Mut einer Bilderstürmerin. Ihre Kompositionen auf diesem Album sind streng strukturiert und lassen dennoch enormen Raum für die individuellen, oft exzentrischen Stimmen ihrer Solisten, darunter ihr langjähriger Lebens- und Musikpartner Steve Swallow am E-Bass, der Saxophonist Andy Sheppard und der Posaunist Gary Valente.

Das Album öffnet mit „Birds of Paradise“, einer Suite, die Bleys Fähigkeit demonstriert, komplexe harmonische Texturen mit narrativer Leichtigkeit zu verknüpfen. Weit entfernt von den stereotypen Riff-Strukturen traditioneller Big Bands, webt Bley dichte, fast impressionistische Klangteppiche, die immer wieder von abrupten Rhythmuswechseln und dissonanten Ausbrüchen durchbrochen werden. Die Dynamik wechselt permanent zwischen kollektivem Flüstern und eruptivem Crescendo. Hier wird die Big Band nicht als starres Kollektiv inszeniert, sondern als ein lebendiger, atmender Organismus, dessen einzelne Stimmen permanent miteinander im Dialog stehen.

Ein zentrales Highlight und Paradebeispiel für Bleys dekonstruktive Methode ist ihre Bearbeitung von Charles Mingus’ legendärer Komposition „Goodbye Pork Pie Hat“. Mingus’ wehmütige Elegie für den Saxophonisten Lester Young wird unter Bleys Federführung zu einer facettenreichen Suite transformiert. Sie respektiert die tiefe Melancholie des Originals, reichert sie jedoch mit einer fast theatralischen Dramatik an. Die Bläsersätze sind hier nicht bloße Begleitung, sondern agieren wie ein griechischer Chor, der das solistische Geschehen kommentiert, anfeuert oder ironisch bricht. Bley entfaltet eine orchestrale Wucht, die Mingus’ Geist atmet, aber kompositorisch ganz ihre eigene Handschrift trägt.

Der Humor, ein omnipräsentes Element in Bleys Gesamtschwerk, kulminiert in Stücken wie „Fresh Impression“ und „Luck Man“. Hier parodiert sie die Pathos-Formeln des traditionellen Jazz. Sie schichtet monumentale Bläserakkorde übereinander, nur um sie im nächsten Moment durch ein minimalistisches, fast naiv wirkendes Klaviersolo oder eine absurd verzerrte Basslinie zu unterlaufen. Diese ständige Ambivalenz zwischen Ernsthaftigkeit und Ironie verhindert, dass Big Band Theory in akademische Trockenheit abgleitet. Es ist Musik, die intelligent ist, sich selbst aber nie zu ernst nimmt.

Musikhistorisch betrachtet ist Big Band Theory ein wichtiges Bindeglied zwischen der Tradition des Jazz-Arrangements (in der Nachfolge von Duke Ellington und Gil Evans) und der europäischen Free-Jazz- und Avantgarde-Bewegung. Bley, die in den 1960er Jahren das Jazz Composer’s Orchestra mitbegründete, beweist auf diesem Album, dass die Großformation im Jazz auch in den 1990er Jahren noch eine relevante, zukunftsweisende Ausdrucksform sein konnte. Sie befreit die Big Band von Staub und Nostalgie, indem sie ihr eine europäisch geprägte, fast kammermusikalische Abstraktion verleiht, ohne den essenziellen Blues- und Swing-Groove des amerikanischen Jazz völlig aufzugeben.

Carla Bleys Big Band Theory ist weit mehr ist als eine bloße Leistungsschau einer genialen Arrangeurin. Es ist ein musikalisches Manifest. Bley zeigt auf, dass Theorie im Jazz nicht trocken sein muss, sondern farbenfroh, subversiv und zutiefst emotional sein kann. Mit diesem Album hat sie der Big-Band-Literatur ein Denkmal gesetzt, das seine Kraft aus der ständigen Reibung zwischen Tradition und Innovation bezieht – so viel kann man jetzt schon sagen, es ist ein zeitloses Meisterwerk des modernen Jazz.

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Big Band Theory, von Carla Bley 1993

Weiterführend Der Musikkritiker Ben Watson bezeichnet Zappas Mothers of Invention als „politisch wirksamste musikalische Kraft seit Bertolt Brecht und Kurt Weill“ wegen deren radikalem, aktuellen Bezug auf die negativen Aspekte der Massengesellschaft. So besehen war Frank Zappa neben Carla Bleys Escalator Over The Hill einer der bedeutendsten und prägendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Die Komponistin führt uns vor Ohren, dass Improvisation ein gesellschaftspolitisches Idealmodell ist.

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